Von der Hantel an den Fels: Der Trend ums Bouldern und die Gründe dafür

Was früher hauptsächlich etwas für Naturburschen war, haben jetzt die Städter für sich entdeckt. Ernst zu nehmender Sport oder nur ein hipper Lifestyle? Das steckt hinter der Trendsportart Bouldern.

Von Lena Eisinger

Ein Akrobat an der Wand. So könnte man den jungen Mann bezeichnen, der mühelos die Wand entlangklettert. Bei ihm sitzt jeder Griff, auch die Füße finden intuitiv den richtigen Tritt. Kinderleicht sieht es aus, wie der Kletterer seinen Weg Stück für Stück nimmt und die Darstellung mit einem grazilen Schwung beendet.

Sie schießen in Deutschland aus den Böden: Boulderhallen. Wenige haben noch nicht von der Trendsportart „Klettern ohne Seil“ gehört. Heute ist das, was früher nur etwas für Naturburschen war, der Sporttrend für hippe Städter. Doch was ist eigentlich „Bouldern“ und was bewegt die Menschen dazu, sich nach einem langen Arbeitstag über Stunden in eine überfüllte Kletterhalle zu stellen?

Faktorenpuzzle

Bouldern wird abgeleitet von englischen „boulder“ und bedeutet Felsblock. Die Höhe ist überschaubar, gerade einmal 4 bis 5 Meter werden hier geklettert. Doch bringt der Klettersport eine eigene Art Körpergefühl mit sich. Wie ein Zahnrad spielen dabei die einzelnen Körperteile zusammen. Hier arbeiten vor allem die Muskelpartien im Oberkörper, die nicht nur die Muckis, sondern auch die Haltung beeinflussen. „Beim Bouldern beschäftigt man sich sehr intensiv mit sich und seinem Körper und mit den Bewegungen“, sagt Monika Retschy, ehemalige Wettkampfkletterin und Trainerin. Doch wer denkt, er bräuchte nur etwas Kraft im Bizeps, der irrt. Es ist die Kombination aus der richtigen Technik und Kraft, die zum Erfolg führt.

Die bunten Plastiksteine an der Wand sehen aus, als wären sie willkürlich an die Wand geschraubt worden. Trotzdem steckt ein System dahinter. Hier kommt die Kopfarbeit ins Spiel. Der Boulderer muss, bevor er startet, die Route entschlüsseln und sich die bestmögliche Strategie dafür überlegen. Oft führt eine Taktik allein nicht zum Ziel, sodass der Kletterer mehrere Lösungswege entwickeln und ausprobieren muss. Schach gegen die Schwerkraft.

Die Halle ist gut besucht an diesem Abend. Dennoch: Es wird auffällig viel gesessen. Zudem eine Bar, an der Kaffee und Bier serviert werden. In der anderen Ecke ein ähnliches Bild. Während ein Kletterer mit rotem Kopf und zitternden Beinen den Boulder meistert, sitzen hinter ihm drei weitere Kletterer, die ihm zusehen und sich unterhalten.

Pausen gehören zum Bouldern dazu, gerne auch mit einer Runde Kaffee. Denn der Kletterer steckt all seine Energie in diesen einen Boulder. Hier handelt es sich nicht um einen Ausdauersport, sondern lässt sich besser mit einem kurzen 100-Meter-Sprint vergleichen. Um mehr als einen Boulder klettern zu können, sollte man den Muskeln und Sehnen Erholungsphasen gönnen. In der Ruhe liegt die Kraft.

Klettersport mit Teamgeist

Von Teamsport kann hier keine Rede sein, der Athlet hat keine Mitkletterer an seiner Seite. Der Teamgeist entwickelt sich woanders, nämlich nach der Klettereinheit. Austausch ist hier das entscheidende Stichwort. Ideensammeln und gemeinsames Erarbeiten von Lösungswegen ist ein Bestandteil des Sports. Erfahrungsberichte werden miteinander geteilt oder eine Gruppe entwickelt gemeinsam eine Strategie. Auch das sog. Spotten, die Sicherung durch eine zweite Person, stärkt den Teamspirit: die zweite Person richtet die Matte nach dem Kletterer aus und lenkt ihn beim Fall. Für Romy Fuchs, Mitglied im Wettkampfkader München & Oberland, macht das Reisen im Team oder mit Freunden zu speziellen Boulderspots das Gemeinschaftsgefühl aus. „Auch wenn das Niveau unterschiedlich ist, kann man zusammen bouldern,“ sagt sie. Ganz nach dem Prinzip: Allein am Fels und zusammen am Boden.

 

Bouldern ist etwas für Individualisten

Es gibt keine universelle Choreografie oder den einen korrekten Bewegungsablauf. Es kommt immer auf den Boulder an, der einen bestimmten Stil verlangt. Nichtsdestotrotz spielt Individualismus an der Wand eine entscheidende Rolle und macht den Sport deswegen so interessant. Jeder hat die Freiheit, seinen eigenen Stil zu finden. Da gibt es die Kletterer, die statisch und bedacht einen Griff nach dem anderen setzen. Es gibt aber auch die dynamischen Boulderer, die in ihren Routen Schwung und kleinere Sprünge einbinden. Der Sport lässt viel Raum für Kreativität, um die eigenen akrobatischen Fähigkeiten zu erkunden und auszubauen.

Persönliche Ziele zu setzen und individuelle Grenzen zu erfahren, sind weitere Aspekte des Sports. Nach dem Motto „Alles kann, nichts muss“, steht es jedem Boulderer frei, selbst zu entscheiden, wie weit er an seine Leistungsgrenzen gehen will. Niemand muss mit seinen Felskollegen mithalten oder dem Leistungslevel der Gruppe entsprechen. Diese Art von Selbstbestimmung und Freiheit spricht ebenfalls für die Beliebtheit. „Es tut gut zu wissen, wie weit man selbst gehen kann und wie man eigene Grenzen verschieben kann.“ Für Monika Retschy ist es wichtig persönliche Grenzen zu übertreten, um die eigene Leistung zu verbessern.

Ähnlich verhält es sich mit dem Kick, der sich nicht auf eine bestimmte Situation oder einen Indikator reduzieren lässt. Anders als Geschwindigkeit bei der Formel 1 oder die direkte Konfrontation mit einem Gegner beim Boxen, kommt für Hobbyboulderer Marcus der Kick mit der Euphorie nach einer erfolgreich gekletterten Route. Anders bei Romy Fuchs. Ihr geht es eher um den Flow, der während des Kletterns entsteht. „Für mich ist der Kick beim Bouldern, dass man während dem Versuch voll konzentriert und fokussiert ist und man das Gefühl bekommt, es gibt nur noch mich selbst und die Wand.“ Das eigene Körpergefühl steht beim Bouldern im Vordergrund.

„Die Vielfalt, das Athletische, immer weiter probieren und nie aufgeben. Das bedeutet für mich Bouldern.“

Romy Fuchs: Wettkampfboulderin und Deutsche Meisterin 2016 in der Kategorie Speed.

Foto: Stefan Huber

„Bouldern baut ein Gefühl auf, dass sich, nachdem man eine Route geschafft hat, explosionsartig löst und dich unendlich stark fühlen lässt.“

Marcus: Schrauber, Trainer und Youtuber. Auf seinem Kanal (Bouldaheads) gibt er Tipps zu Techniken und teilt seine Erfahrungen mit seiner Community.

„Das Aufgabenlösen reizt mich besonders am Bouldern. Die vielen Erfolgserlebnisse und der Spaß am Klettern machen mich einfach glücklich“

Lukas Jost: Hobbykletterer, bouldert seit ca. 3 Jahren.

„Das emotionalste Erlebnis war für mich, das Erreichen des zweiten Platz beim Weltcup in Mumbai. Generell tun mir alle Momente gut, wenn ich nach viel Arbeit einen anspruchsvollen Boulder schaffe.“

Monika Retschy: Trainerin und ehemalige Wettkampfkletterin. Sie wurde unter anderem Deutsche Meisterin 2013 und Zweite beim Weltcup 2016.

Was steckt hinter dem Boulder-Lifestyle?

Jeder Trendsport wird schnell mit einem Lifestyle verbunden. Beispiel Surfen, Skaten oder Snowboarden. Für Romy Fuchs ist es die Tatsache, dass alle die gleiche entspannte Haltung und Motivation teilen. Das besondere Miteinander und der Zusammenhalt unter den Boulderern macht für sie den Way of Life aus. „Man weiß, dass es nur darum geht, wer man wirklich ist und was man an der Wand kann. Und nicht, woher man kommt und was man hat.“ Für Trainer und Youtuber Marcus überträgt sich die Konfrontation mit Herausforderungen und Ängsten auf seinen Lifestyle. „Ich stelle mir oft vor, was ich machen würde, wenn ich es als Route betrachten würde.“ Anders bei Hobbykletterer Lukas Jost. Für ihn hat der Boulder-Lifestyle keine tiefere Bedeutung, ihm geht es um den Spaß beim Klettern.

Tipps und Tricks zur Bouldertechnik

Worauf kommt es an, um einen Boulder erfolgreich zu klettern? Die Profis der Boulderwelt München Ost geben Tipps zu Techniken und Routen.

Hooken:

In diesem Video erfährst Du, wie Du am besten Deinen Fuß im Griff verhakst. Erfahre außerdem, wie man Manteln und Stützen richtig kombiniert.

Platten:

Hier ist Stehen die Devise: So konzentrierst Du Dich auf Dein Trittgefühl, ohne dabei die Balance zu verlieren. Die Profis zeigen außerdem, wie man mit einer finger- und kraftschonenden Technik den Totpunkt meistert.

 

Dynamo:

Stichwort dynamischer Zug. Erfahre hier, wie man mit der richtigen Schwung- und Sprungtechnik größere Abstände zwischen den Griffen erfolgreich überwindet.

Back to the roots: Outdoor-Bouldern

Viele Kletterer verschlägt es irgendwann zurück in die Natur. Ist Outdoor-Bouldern das nächste Level? „Das ist eine individuelle Entscheidung. Jeder hat ein eigenes Ziel, warum er bouldert und warum er trainiert. Das kann natürlich für ein bestimmtes Projekt am Fels, ein Wettkampf oder auch rein gesundheitlich sein,“ sagt Monika Retschy. Für viele ist es eine neue Erfahrung und das besondere Gefühl, das Bouldern in der Natur mit sich bringt. Die Herausforderung liegt in der Beschaffenheit des Materials. Hier gilt es mit scharfen Kanten, Moosschichten oder Nässe umzugehen. Dazu muss ein Kletterer erfahren und sicher sein, andernfalls riskiert er Stürze und Verletzungen.Und: „Während der Wettkampfphase war es für mich wie Urlaub. Draußen konnte ich dem Trainings- und Wettkampfstress entfliehen und dennoch meinen Sport ausüben,“ sagt sie heute.

Darin, dass der Hype sich positiv auf den Klettersport auswirkt, sind sich alle einig. Auch wenn sich der Sport und dessen Anforderungen verändern, wie die Zulassung als Wettkampfdisziplin bei den Olympischen Spielen 2020 zeigt. Zum anderen haben viele einfach keine Lust mehr auf stupides Trainieren mit Geräten und suchen sich Sportarten, die mehr fordern. „Es ist die spannendere Alternative zum Fitnessstudio,“ meint auch Romy Fuchs. Für Marcus ist neben der Gesundheit der Kostenfaktor ein Grund für das steigende Interesse. Denn Bouldern ist vergleichsweise erschwinglich und minimalistisch, da man keine teure Ausrüstung braucht und es keine Altersgrenze gibt. Da kann selbst die 70-jährige Oma Gerda kommen und wird nicht schräg angeschaut.

Entdecke spektakuläre Boulderspots in Europa

Von Boulderer für Boulderer: Das sind die beliebtesten Klettergebiete für Anfänger und Profis. Finde jetzt dein nächstes Boulderziel!

Val Masino, Italien

„Val Masino valley is the best place where you can do bouldering in both of Italy. The rocks is special and there are a lot of stones inside the forest and near the river. It’s wonderful.“ @selvaurbanalab

Zemmschlucht, Zillertal

„Die Zemmschlucht ist schon ein sehr besonderer Boulderspot. Der Zustieg nicht so leicht und die Boulder auch nicht so offensichtlich zu finden wie auf der Alm. Allerdings ist die Stimmung und die Atmosphäre einfach toll. Manchmal muss man durch kristallklares, eiskaltes Wasser waten, oder über angeschwemmte Baumstämme klettern.“ @hanna_lena_meiners

Fontainebleau, Frankreich

„Bouldern in Fontainebleau ist einfach maximal entspannt. Ich mache das seit 12 Jahren und brauche das einfach.“ @marksjulien

Åland Inseln, Finnland

„Besonders an den Åland Inseln ist die Weitläufigkeit. Man hat lange Zustiege durch die wunderschöne und abwechslungsreiche Natur. Es gab so viel zu entdecken und es war jeden Tag ein Abenteuer die Boulder zu finden. Exzellente Boulder an ungewöhnlichem Granit. Landschaftlich sehr schön, dank Meer, Felsen, Heide und skandinavischem Flair.“ @manuelwiegel

Albarracin, Spanien

„Albarracin ist Spaniens Fontainebleau. Gleicher Sport, komplett andere Mentalität. In Albarracin ist eigentlich fast alles überhängend.“ @climberellla

Magic Wood, Schweiz

„Avers, oder auch bei den Boulderern liebevoll Magic Wood genannt, ist eines der schönsten Gebiete der Welt. Nicht nur für die Vertikale, der wunderschöne Wald hat seinen Namen nicht nur wegen der unglaublichen Vielzahl der atemberaubenden Bouldern, der Wald hat etwas magisch Schönes. Fast in jedem Block lässt sich ein richtig schwerer Boulder finden, jeder für sich fordert einzigartige Bewegungen und hat einen anderen Charakter. Ob Platte, überhängend, klein oder große Griffe mit unglaublichen dynamischen Zügen. Hier findet jeder „seinen“ Traumboulder.“ @kevin_bechthold

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