Tauchen mit Handicap: Geht das überhaupt?

Ist das Tauchen trotz Handicap möglich? Wie fühlt es sich an? Worauf muss geachtet werden? Zwei Tauchlehrer teilen ihre Erfahrungen.

»Im Wasser fühle ich mich frei.« Dieses Gefühl teilt Taucher Jörg vermutlich mit vielen Kollegen, doch für ihn erscheint das Tauchen auf den ersten Blick nicht selbstverständlich: Seit einem Mopedunfall im Alter von 17 Jahren ist er querschnittsgelähmt und sitzt im Rollstuhl. Dadurch änderte sich sein Lebensalltag radikal – seinen bisherigen Beruf, Industriemechaniker, konnte er nicht mehr ausüben und das Haus musste barrierefrei umgestaltet werden.
Durch einen beinamputierten Bekannten wurde er schließlich vor fast zwanzig Jahren zum Tauchen inspiriert. Jörg erinnert sich noch, wie nervös er vor seinem ersten Tauchgang war, den zusätzlich zum Tauchlehrer noch ein Begleittaucher und ein Physiotherapeut begleiteten. Doch kaum war Jörg im Wasser, hatte er keine Angst mehr – er fühlte sich sogar richtig wohl. Es war ein völlig neues Gefühl und sofort war ihm klar, dass dieser Tauchgang nicht sein letzter sein würde.

Jörg Antoine

Michael Thiel

So ergeht es nicht nur Jörg. Viele Handicap-Taucher beschreiben dieselben Eindrücke beim Tauchen: Sie fühlen sich frei. Ihre Behinderungen könnten unterschiedlicher nicht sein. Manche sind wie Jörg querschnittgelähmt, anderen fehlt durch eine Amputation beispielsweise ein Bein und wieder andere leiden an Muskelschwäche, ausgelöst durch Krankheiten wie Multiple Sklerose. Im Wasser können sie sich jedoch dreidimensional und schwerelos bewegen – ohne Rollstuhl, ohne Phantomschmerzen, ohne Muskelschwäche. Der Wasserdruck stabilisiert den Körper, die Fortbewegung ist mit nur kleinen Bewegungen gut möglich und kinderleicht. Gleichzeitig stärkt das Atmen unter erhöhtem Druck die Atemmuskulatur. Das Tauchen mit Nitrox (Tauchen mit sauerstoffangereicherter Luft) erhöht sogar die Sauerstoffsättigung in den Gliedmaßen, die von einer Lähmung betroffen sind. Viele Betroffene berichten, dass alltägliche Beschwerden wie Spastiken nach dem Tauchen für einige Zeit deutlich nachlassen. Das Tauchen hilft hier ein wenig, das Handicap in den Hintergrund treten zu lassen und vom Alltag abschalten zu können. Eine Therapie auf physischer wie auch psychischer Ebene.

Der Weg ins Wasser

Der Ablauf eines Tauchgangs wird dabei an die Bedürfnisse angepasst, unterscheidet sich jedoch generell wenig von der Tauchroutine, die jeder Taucher kennt. »Die Ausrüstung (Jacket, Flasche, Atemregler) wird in der Regel von mir selbst zusammengebaut und überprüft«, sagt Jörg. Auch den Tauchanzug zieht er, soweit es geht, selbstständig an, ehe er für den letzten Rest Hilfe benötigt. Der Einstieg ins Wasser hängt dann von den Gegebenheiten ab. Beim Tauchen vom Boot steht ein Einstieg an, den die meisten Taucher kennen: An der Bordkante zieht Jörg alles an und lässt sich dann nach vorne ins Wasser fallen. Der Einstieg vom Ufer ist nicht immer so einfach. Sollten Stufen nötig sein, muss er von ein oder zwei Personen getragen werden. Das Jacket samt Flasche kann er dann entspannt im Wasser anziehen. Ist eine Rampe vorhanden, fährt Jörg mit dem Rollstuhl bis ins Wasser und streift sein Jacket dort über – dann kann es losgehen.

Handicap-Einstufung

Symbol für Taucher mit Behinderung

Hat ein Taucher den Zusatz »H« (Handicap) oder »L« (Limited) in seinem Tauchbrevet stehen, ist sein Handicap für das Tauchen relevant. Er ist in der Tauchtauglichkeit eingeschränkt oder kann durch seine Einschränkungen gewisse Standards nicht erreichen. Dabei gibt es verschiedene Einstufungen.

L: Der Taucher ist nur in gewissen Situationen derart eingeschränkt, dass es taucherisch relevant ist, und wird daher wie ein Taucher ohne Handicap eingestuft.

H1: Der Taucher kann unter Wasser für sich selbst und seinen Partner sorgen und wird daher wie ein Taucher ohne Handicap eingestuft.

H2: Der Taucher kann unter Wasser zwar für sich selbst sorgen, nicht jedoch für seinen Partner.

H3: Der Taucher kann unter Wasser weder für sich noch für seinen Partner sorgen. Er kann sich nicht selbstständig fortbewegen und auch keinen Druckausgleich ohne Hilfestellung durchführen. Zur Betreuung sind mindestens zwei speziell ausgebildete Begleiter notwendig. Hier sollte das Tauchen nicht mehr als Sport, sondern als Therapieform gesehen werden.

Jörg taucht in einem Schwimmbecken - ohne Flossen. Foto von Michael Thiel

Beim Tauchen rückt das Handicap von Jörg in den Hintergrund.

Tauchen für jedermann

Genau das war es, was Michael schließlich eines Tages entdeckte: einen verlassenen Rollstuhl am Ufer eines Sees, daneben Jörgs Bruder. »Bis dahin wusste ich gar nicht, dass jemand bei uns in der Gegend sowas macht«, erinnert sich Michael. Er wollte damals selbst in den See zum Tauchen. Heute sind Michael und Jörg Tauchlehrer und leiten die Tauchschule Nautico-Divers in Nittel bei Trier, die neben den üblichen Tauchgängen auch Handicap-Tauchen anbietet. Sie bilden Handicap-Taucher aus und bieten Schnuppertauchgänge für Menschen mit und ohne Behinderung an. Für diese Chance nehmen einige Interessenten eine große Anfahrt in Kauf. Voraussetzung ist immer, wie auch bei Tauchern ohne Handicap, die tauchsportärztliche Freigabe.

Michael und Jörg begleiten eine Handicap-Taucherin bei einem Schnuppertauchgang. Foto von Michael Thiel

Jörg (links) und Michael begleiten eine Handicap-Taucherin ins Schwimmbecken.

Die Handicaps, mit denen Michael und Jörg zu tun haben, variieren stark. Meist treffen sie auf sogenannte L-Taucher, nur seltener sind es H-Taucher. Von einer eingeschränkten Bewegungsfähigkeit, beispielsweise in der Schulter, über Paraplegie, also Querschnittslähmung, bis hin zu einer Contergan-Geschädigten haben sie schon fast alle Handicaps betreut. »Stark in Erinnerung geblieben ist mir ein Tetraplegiker, der seit einem Motorradunfall im Rollstuhl sitzt und permanent auf Hilfe angewiesen ist«, erzählt Michael. Der Mann konnte keine seiner Gliedmaßen eigenständig bewegen. »Das mal zu betreuen, war schon super.«

Die Erwartungen der Schnuppertaucher mit und ohne Behinderung unterscheiden sich dabei kaum. Vor dem Tauchgang sind die Leute aufgeregt, bedingt durch das Ungewisse. Was wird sie erwarten? Wie wird es sein? Bei Handicap-Taucher gesellt sich eine Frage hinzu: Klappt das mit meinem Handicap überhaupt?
Nach dem Tauchgang können die Reaktionen der Neulinge variieren – das Wasser als Element hat auf jeden eine andere Wirkung. Doch einige der Gefühle sind Faszination, das Gefühl der Schwerelosigkeit und das Gefühl der Freiheit. Die positiven psychischen Effekte lassen sich nicht übersehen.

Ein Blick in die Zukunft

Doch wie lautet nun das Fazit? Wieso sollte man trotz Behinderung tauchen wollen? »Tauchen hat so viele Aspekte, die sowohl für den normalen Sporttaucher als auch für den Handicap-Taucher zutreffen. Ich denke, dass es für die meisten die kurze Zeit ohne wirkliche Einschränkung ist, die das Wohlbefinden physisch und psychisch stärkt«, meint Michael.
Dennoch gibt es eine Schattenseite, die noch nicht ausreichend beachtet wird: Die wenigsten Tauchziele sind wirklich für Taucher mit Handicaps geeignet. »Statt damit zu werben, dass Tauchbasen barrierefrei sind, sollte es doch eher so sein, dass sie selbstverständlich für alle nutzbar sind. Auch die, die das heute noch belächeln, werden älter und werden es irgendwann zu schätzen wissen«, meint Michael.

Einige Tauchziele haben dies natürlich bereits erkannt. Und so geht es für Jörg und Michael diesen Sommer nach Holland ans Grevelinger Meer, ehe Jörg im Dezember noch einmal nach Ägypten aufbricht – denn die Sonne tut bestimmt genauso gut wie das Tauchen.

Worauf müssen Handicap-Taucher achten? Michael beantwortet die wichtigsten Fragen für den Tauchalltag.

Welche Handicap-Taucher dürfen ins Freiwasser?

Genau festgeschrieben ist das meines Wissens nach nicht. Aber aus der Einstufung der Taucher ergeben sich meist schon die Tauchplätze. Ich würde sagen, dass ich mit L und H1 auf jeden Fall ins Freiwasser gehen würde, bei H2 müsste man den Tauchplatz schon genauer aussuchen und H3 würde ich eher nicht in Freiwasser gehen.

Gibt es Bedingungen, wenn Handicap-Taucher ins Freiwasser gehen?

Durch die Einstufung ergeben sich die maximalen Tauchtiefen, die man mit den jeweiligen Tauchern aufsuchen darf. So hat ein L-Taucher die gleichen maximalen Tiefen wie jeder andere Sporttaucher (40 m), ein H1 und H2 sollte max. 20 m tief tauchen und H3-Taucher in der Regel nicht tiefer als 3 m.

Worauf muss man bei Tauchzielen achten, wenn man als Handicap-Taucher dort tauchen will?

Bei den Tauchzielen ist darauf zu achten, dass die Unterkünfte und die Basis barrierefrei sind, dass auch die Guides sich ein wenig mit den Handicaps auskennen, dass auch auf dem Tauchboot Barrierefreiheit herrscht und dass es Aus- und Einstiegshilfen gibt (Hebelift, Matten). Zudem ist es schwierig, mit einem Rollstuhl über einen Sand- oder Kiesstrand zu fahren. Daher ist ein Steg nicht das schlechteste.

Welche Tauchziele bieten sich für Handicap-Taucher speziell an?

Nach Möglichkeit alle. Aber wie schon erwähnt: Barrierefrei müssten sie sein und ein einfacher Zugang sollte möglich sein. Als Handicap-Taucher ist man eigentlich überall auf Hilfe angewiesen.

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