Münchens Nahverkehr im Ausnahmezustand, täglich!

Vielseitige Kulturangebote, attraktive Jobs, ein traumhaftes Umland – in und um München zu wohnen ist für viele ein Lebenstraum. Doch im Alltag wird der Weg zu Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zur täglichen Belastungsprobe.

ÖPNV, das sind die vier schlichten Buchstaben, die es schon am frühen Morgen schaffen, den Puls der Pendler zielsicher auf 180 zu katapultieren – lange vor dem ersten Kaffee.

Völlig überfüllte U-Bahn-Waggons, Gedrängel am Bahnsteig, Warten, dass es weitergeht, warten, dass überhaupt etwas geht… oder kommt! Bei jeder kleinsten Störung – und davon gibt es in München auffällig viele – bricht das ultimative Chaos aus. Besonders in den Stoßzeiten des Berufsverkehrs droht der Öffentliche Personennahverkehr zu kollabieren. Doch wie konnte es überhaupt soweit kommen?

Das Nahverkehrsnetz: von den Menschen überholt

Je mehr Menschen in einem Zug sind, desto enger wird es. Scheint logisch. Bayerns Landeshauptstadt ist in den vergangenen zwanzig Jahren rasant gewachsen. So stieg die Einwohnerzahl von rund 1,19 Millionen (Dezember 1998) über knapp 1,33 Millionen (Dezember 2008) auf den heutigen Rekordwert von gut 1,54 Millionen. Eine Tatsache, die Münchens öffentlichen Nahverkehr lange nicht groß beeindruckt hat.

Drei U-Bahn-Stammstrecken, eine S-Bahn-Stammstrecke und fünf Knotenbahnhöfe, an denen alles zusammenläuft. Es braucht nicht viel Phantasie, um sich das damit verbundene Problem vorstellen zu können.

Ein Gesamtsystem, ausgelegt für 250.000 bis 300.000 Fahrgäste pro Tag. „Tatsächlich befördern wir 800.000 Menschen pro Tag“, sagt Dr. Markus Haller, Bereichsleiter Konzeption beim Münchner Verkehrs- und Tarifverbund (MVV). In den Wagen ist es im Berufsverkehr inzwischen so voll, dass keiner mehr umfallen kann.

 

Das U-Bahn-System:

Kleingleisig geplant, Ausbau verschlafen

Münchens U-Bahnsystem ist vielfach knapp ein halbes Jahrhundert alt, marode und maßlos überlastet. Durch drei „Hauptadern“ drängt sich der gesamte innerstädtische U-Bahnverkehr.

Die erste und älteste der drei Stammstrecken wurde im Oktober 1971 in Betrieb genommen. Auf ihr drücken sich heute zwischen Goetheplatz und Münchner Freiheit eng getaktet die Linien U3 und U6 an den Knotenbahnhöfen Sendlinger Tor, Marienplatz und Odeonsplatz vorbei. Die zweite Stammtrecke, die sich U1 und U2 teilen, verläuft vom Kolumbusplatz bis Hauptbahnhof mit Umstieg am Sendlinger Tor. Die dritte Hauptader stellt der gemeinsame Abschnitt von U4 und U5 zwischen Max-Weber-Platz und Westendstraße dar, die die Fahrgäste zu Odeonsplatz und Hauptbahnhof bringt.

Mit der maximalen Taktverdichtung auf bis zu zwei Minuten, hat das Kernstück des U-Bahnverkehrs seine Kapazitäten bereits ausgeschöpft.  Auf den Außenarmen der Strecken hingegen, wo die Taktverdichtung noch nicht limitiert ist, scheitert der Einsatz weiterer Züge vor allem an fehlenden Wendemöglichkeiten.

Das S-Bahn-Netz:

Hoffnung für Pendler im Einzugsgebiet?

Das Münchner S-Bahn-Netz bringt seine Fahrgäste aus den weitläufigen Ortschaften im Umland direkt hinein ins Nadelöhr: Egal, ob das Ziel aus der oder durch die Stadt lautet, um den etwa sechs Kilometer langen Abschnitt zwischen Donnersberger Brücke und Ostbahnhof kommt kein Zug herum. 30 Züge pro Stunde pro Richtung, sieben S-Bahnlinien – und nur zwei Gleise. Geht hier etwas schief, kommt der gesamte Betrieb zum Erliegen. Und während die hochfrequentierte Stammstrecke ihre Leistungsgrenze längst erreicht hat, bibbern die Pendler im Umland beim Warten auf den nächsten Zug.

Die Umsteigebahnhöfe:

Schubsen und Drängeln als Frühsport

Wer jetzt glaubt, mit den vier Stammstrecken des U- und S-Bahnnetztes hätte der Münchner Verkehrsverbund schon alle seine Engpässe offenbart, der irrt. Denn die warten auch auf viel zu schmalen Bahnsteigen und fehlenden Treppen an wichtigsten Knotenbahnhöfen entlang der Strecken. 1500 Menschen steigen pro Tag allein am Sendlinger Tor zwischen der unteren und oberen Gleisebene um, mit ganzen drei (!!!) (Roll-)Treppen.

Rettung naht… irgendwann

Pünktlich aus dem Bahnhof rollen, sich auf einem der freien Sitze entspannt zurücklehnen und kein Herzinfakt beim Blick in die Nahverkehrs-App. Damit dieser Traum für die Münchner Realität wird, haben Politik, Bahn und Münchner Verkehrsgesellschaft die Ideen sprießen lassen.

Ob die geplanten Vorhaben diese Wünsche in Erfüllung gehen lassen? Die wichtigsten und spektakulärsten vier Projekte im Überblick:

2. S-Bahn-Stammstrecke

  • Status: im Bau
  • Ziel: Entlastung der S-Bahn-Stammstrecke
  • Streckenverlauf: Hauptbahnhof → Marienplatz → Ostbahnhof
  • Vorteile: schnellere Verbindung (keine Zwischenstopps)
  • Besonderheit: verläuft in ca. 40 m Tiefe
  • Geschätzte Kosten: knapp 4 Mrd. Euro
  • Geplante Inbetriebnahme: 2026

Quelle

U-Bahn-Linie U9

  • Status: in Planung
  • Aussicht auf Bau: gut
  • Ziel: Entlastung der Stammstrecke U3/U6
  • Streckenverlauf: Impler-/Poccistraße → Hauptbahnhof → Münchner Freiheit
  • Geschätzte Kosten: ca. 3 Mrd. Euro
  • Baubeginn: frühestens 2025
  • Inbetriebnahme: zwischen 2035 und 2040

Quelle

Seilbahn-Trasse

  • Status: in Prüfung
  • Erste Testfahrt: frühestens 2025
  • Möglicher Streckenverlauf: Frankfurter Ring → Studentenstadt → Unterföhring
  • Kapazität: ca. 4.000 Menschen pro Stunde
  • Geschwindigkeit: ca. 28km/h
  • Gesamtkosten: ca. 50 Mio. Euro
  • Vorteile: energieeffizient, geräuscharm, kostengünstig

Quelle 1; Quelle 2

Magnetschwebebahn

  • Status: offen
  • Möglicher Streckenverlauf: noch nicht bekannt
  • Kapazität: bis zu 726 Menschen pro Zug
  • Geschwindigkeit: bis zu 150km/h
  • Kosten: ca. 50 Mio. Euro pro Kilometer
  • Vorteile: fährt autonom, geräuscharm, emissionsfrei

Quelle 1; Quelle 2

Doch so paradiesisch die Vorstellung, dem Verkehrschaos künftig zu entschweben, eins steht jetzt schon fest: Es werden noch viele Millionen Menschen viele Millionen Stunden Warten, bis nur ein Teil realisiert ist.

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