Münchner Berufsverkehr: Können die Pendler den Stau vermeiden?

Jeden Tag machen sich tausende von Pendler im Berufsverkehr auf den Weg zur Arbeit. Morgens und abends führt das zu kilometerlangen Staus. Kann ein Pendler diesen Stress minimieren, indem er eine halbe Stunde später oder früher zur Arbeit fährt? 

Dienstag 16.30 Uhr auf einer Brücke im Olympiapark. Der Blick wandert abwärts auf den mittleren Ring. Plötzlich blinken die hell rot leuchtenden Rücklichter auf. Die ersten Autos kommen zum Stillstand. Dies führt zu einer Kettenreaktion. Die ersten verzweifelten Autofahrer beginnen  zu hupen und versuchen durch einen blitzschnellen Spurwechsel noch so weit wie möglich nach vorne zu kommen. Wieder andere verlassen so schnell wie möglich die Straße. Für die restlichen Fahrer kommt jede Hilfe zu spät. Die stillstehenden Autos bilden eine kilometerlangen Kette aus bunt lackiertem Blech. Neben kleinen Fahrzeugen stehen wuchtige Lastwägen und meterlange Sattelzüge. Nichts geht mehr voran. Von oben gleicht dieses Bild einem genau aufgebauten Dominospiel, dass im roten Lichtermeer schwimmt. Langsam setzten sich die tonnenschweren Fahrzeuge in Bewegung und kommen nach nur einigen Metern wieder zum Erliegen, als hätten die Autos Schluckauf. So bahnt sich die Blechlawine in den Feierabend

Wie entsteht ein Stau?

Das kennt jeder Münchner Pendler, der mit dem Auto zur Arbeit fährt.Jeden Morgen und Abend kommt es in und um die Landeshauptstadt zu zahlreichen Staus. Das folgende Video soll beschreiben, wie ein Stau entsteht und warum wir von Ameisen lernen können.

Sozialversicherte Beschäftigte

„Die Stadt hinkt 20 Jahre hinterher. Die Entwicklung wurde verschlafen“

Morgens zwischen 07.00 Uhr und 09.00 Uhr und abends zwischen 16.00 Uhr und 18.00 Uhr ist es auf den Autobahnen und den Bundesstraßen besonders eng. „Die Stadt hinkt 20 Jahre hinterher. Die Entwicklung wurde verschlafen“, sagt Bern Emmrich. „Die Kapazitätsgrenzen der Straßen sind erreicht, weil zu viele Autos unterwegs sind.“ Emmrich ist Verkehrsplaner beim ADAC Südbayern.

In der Landeshauptstadt München sind 849.828 sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Dadurch stieg die Anzahl der Beschäftigten im Vergleich zum Jahr 2006 um 120.000 an. „Das sind die Schattenseiten des wirtschaftlichen Booms“, sagt der Verkehrsplaner Bernd Emmrich. Von den Berufstätigen sind 45,1% Pendler. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit pendeln insgesamt 382.943 Beschäftigte nach München, gleichzeitig pendeln 178.603 in die umliegenden Regionen.

Im Jahr 2006 lebten 1.364.180 Personen in München. Knapp zehn Jahre später stieg die Zahl auf 1.414.868 und die Prognosen sagen kein Ende voraus. Aber auch das Umland verzeichnet ein immer größeres Wachstum. Grund dafür sind die immer höher steigenden Mieten in München. Viele Beschäftigte können sich das Leben in der Stadt schlichtweg nicht mehr leisten und ziehen ins Umland.

„Das sind die Schattenseiten des wirtschaftlichen Booms“

%

Anzahl der Pendler

Baustelle auf A99 führt täglich zu Verkehrsbehinderungen

Am Autobahnkreuz München – Nord im Bezirk Schwabing-Freimann zählte die Autobahndirektion Südbayern das höchste Verkehrsaufkommen. Pro Tag durchqueren durchschnittlich 146.606 Fahrzeuge das Nadelöhr, dass die A9 mit der A99 verbindet. Hier staut es sich aufgrund der Baustellen besonders oft. Emmrich sagt dazu: „Mit Blick auf die Zukunft sollten sich die Autofahrer freuen, dass gebaut wird. Denn von dem achtspurigen Ausbau profitieren auch die Pendler.“ In der Stadt München sieht es nicht besser aus. Laut einer Verkehrszählung der bundesweiten Haushaltsbefragung „Mobilität in Deutschland“ im November 2017 durchfahren den mittleren Ring auf der Donnersbergerbrücke werktags im Schnitt 142.00 Autos.

Nach einer Studie der US-Firma Intrix hat München zu Stoßzeiten die höchste Staurate auf den Hauptverkehrs- und Innenstadtstraßen in Deutschland. Die Gesamtfahrzeit besteht zu 27 Prozent aus Staus. Dadurch verringert sich die Durchschnittsgeschwindigkeit im Berufsverkehr von 65 auf 20 km/h, das sind 45 Prozent.

München ist nach einer Studie der US-amerikanische Firma Inrix mit 51 Stunden Deutschlands Stauhauptstadt. Weltweit liegt die Landeshauptstadt auf Platz 76.

Durchschnittlicher Anreiseweg der Pendler in Deutschland

Auto bleibt das beliebteste Verkehrsmittel der Pendler

Nach einer Studie des Statistischen Bundesamtes fahren im Durchschnitt 67,7 Prozent der Pendler in Deutschland mit dem Wagen. „Zwei Drittel der Beschäftigten pendeln mit dem Auto. Damit ist es das Verkehrsmittel Nummer eins in Deutschland“, sagt der Verkehrsplaner des ADAC. Knapp 47 Prozent der Pendler in Deutschland haben einen Anreiseweg zur Arbeit von fünf bis 25km. Die Zahl der Pendler, die 50 Kilometer oder mehr zur Arbeit fahren nimmt immer mehr zu und beträgt aktuell 4,5 Prozent. Durch die immer weitere Anreise brauchen die Pendler auch länger zur Arbeit. Etwa die Hälfte braucht zwischen zehn und 30 Minuten. 4,8 Prozent dagegen brauchen über eine Stunde, um ihr Ziel zu erreichen.

Die Entwicklung des Autoverkehrs in der Rush Hour

Doch wie entwickelt sich der Verkehr in München in den Morgen- und Abendstunden? Die Screenshots von Google Maps zeigen anhand der Farbe, wie sich das Verkehrsaufkommen auf den Straßen entwickelt. Grün bedeutet, dass Verkehr ohne Störungen fließt. Färben sich die Straßen orange kommt es zu ersten Beeinträchtigungen. Die Farbe rot zeigt an, dass auf diesem Straßenabschnitt ein Stau vorliegt.

Fazit

Besitzt ein Pendler die Möglichkeit vor 06.30 Uhr in die Arbeit zu fahren, kann er dem Berufsverkehr entgehen. Im weiteren Verlauf des Vormittags führt für die Autofahrer am Stau kein Weg vorbei.

Am Abend zeigt sich das selbe Bild. Kann der Pendler vor 16.30 Uhr die Arbeit verlassen, erhöht sich die Chance ohne Verkehrsbehinderungen nach Hause zu gelangen. Ab 16.30 Uhr staut es sich in München zunehmend und erst ab 19 Uhr normalisiert sich der Verkehr wieder.

Chrysovalantis Kanaridis, 29
Moderator der Morgenshow „Sunny & Der Münch – Dein ENERGY Morgen“

bei Radio Energy seit 2014

„Wenn die Knotenpunkte versperrt sind, dann staut es sich kilometerlang“

Interview mit Chrysovalantis Kanaridis

Bei deiner Arbeit bei der Morgenshow „Sunny & Der Münch – Dein ENERGY Morgen“ hast du auch immer wieder mit Staumeldungen zu tun. Hast du das Gefühl, dass es immer mehr wird?

Ja das kann ich so bestätigen. Das liegt meiner Meinung nach daran, dass viele sich die Mieten in München nicht mehr leisten können und deshalb in das Umland liegen(ziehen). Da nicht alle auf die öffentlichen Verkehrsmittel zurück greifen, kommt es dadurch zu mehr Verkehr auf den Straßen.

Wie läuft das mit den Staumeldungen bei euch ab?

Wenn ein Stau nur einen Kilometer lang ist, dann erwähnen wir den meist nicht. Das beginnt dann ab drei Kilometer. In der Rush Hour bringen wir immer zur vollen und  halben Stunde die Verkehrsnachrichten. Das sind dann in der Regel drei bis fünf Meldungen.

Auf welchen Straßen staut es sich am meisten?

Die Autobahnen mit ihren Baustellen und der Mittlere Ring sind jeden Tag verstopft. Gefährlich wird es, wenn beispielsweise am Luise-Kiesselbach-Tunnel etwas passiert. Wenn die Knotenpunkte versperrt sind, dann staut es sich Kilometer lang. Dazu kommt, dass viele Autofahrer nicht wissen, wie sie den Stau umfahren können.

Zu welcher Uhrzeit ist deiner Erfahrung nach der Berufsverkehr am schlimmsten?

Ab sieben Uhr geht’s los. Da starten meistens die Personen, die keine Kinder haben. Ab 7.30 Uhr  fahren dann auch die Familienmenschen in die Arbeit. Morgens dauert die Rush Hour bis 9 Uhr. Abends startet der Berufsverkehr um 17 Uhr und nimmt ab 18 Uhr wieder ab. Jedem, der zu dieser Uhrzeit nicht mit dem Auto fahren muss rate ich: Lass es lieber!

Ist das jeden Tag zu beobachten?

Wenn Ferien sind ist der Verkehr ruhiger und wenn ein verlängertes Wochenende ansteht. Auch während einer normalen Woche nimmt der Verkehr von Tag zu Tag ab. Montag ist der verkehrsreichste Tag. Der Freitag der niedrigste. Viele haben eine vier-Tage-Woche oder machen Home Office.

Glaubst du, dass es etwas bringt, wenn man eine halbe Stunde früher oder später fährt?

Ja auf alle Fälle. Wenn du um 06.30 morgens losfährst, dann kommst du ohne großen Stau durch. Das gleiche gilt abends. Aber wenn alle Pendler jetzt auf die Idee kommen, dann sind die Straßen schnell wieder voll.

Welche Staumeldung blieb dir in den fünf Jahren im Kopf?

Das ist gerade mal zwei Wochen her. Da kippte ein Lastwagen mit 24 Tonnen Kiwis auf der A8 um. Und das mitten im Berufsverkehr am Morgen. Da die ganze Ladung auf der Straße lag, musste die Autobahn Richtung München komplett gesperrt werden. Das führte zu 30 Kilometer Stau und die A8 war erst am nächsten Morgen wieder freigegeben.

 

Die Stadt München will gegen das  Verkehrschaos vorgehen

Derzeit wird viel diskutiert im Stadtrat. Um die Infrastruktur in München zu verbessern, wurde das Projekt „Modellstadt 2030“ geschaffen. „In einer stark wachsenden Stadt muss unsere Priorität bei den Menschen sein, weniger bei den Autos“, sagte Oberbürgermeister Dieter Reiter zuletzt dem Münchner Merkur. „Wir brauchen eine Stadt, die auch in Zukunft Lebens- und Aufenthaltsqualität bietet.“ Die Ideen gegen das Verkehrschaos sind eine autofreie Altstadt, Erhöhung der Parkgebühren, eine City-Maut, eine Rings S-Bahn, mehr Busspuren und eine Seilbahn. „Die Stadt sollte kein Instrument auslassen und alles hinterfragen“, meint ADAC-Verkehrsplaner Emmrich. „Der öffentliche Nahverkehr sollte qualitativ und quantitativ ausgebaut werden, um ihrem Anspruch gerecht zu werden.“ Dazu glaubt Emmerich, dass etwa mehr Home-Office den Verkehr um 20 Prozent entlasten könnte, wenn Beschäftigte nur einen Tag pro Woche von zu Hause arbeiten würden. Der ADAC-Experte warnt vor mehr Busspuren auf Kosten der Autospuren: „Das hätte an manchen Stellen fatale Folgen. Hier muss mit Umsicht geplant werden, nicht mit der Keule.“

In den Bergen ein gewohntes Bild. In Zukunft könnten Gondel auch über dem Frankfurter Ring fahren.

Mittlerweile bewegt sich die Autoschlange wieder schneller die Straße entlang. Der Verkehr läuft flüssiger und die roten Lichter blinken nur noch vereinzelt auf. Von oben betrachtet gleicht das Bild mehr einer gut abgestimmten Ameisenstraße. Die ermüdeten Autofahrer können endlich zügiger nach Hause fahren. Doch sie wisse: morgen beginnt der Wahnsinn auf den Straßen morgen wieder neu.

Derweil bewegt sich die Autoschlange wieder schneller die Straße entlang. Der Verkehr läuft flüssiger und die roten Lichter blinken nur noch vereinzelt auf. Von oben betrachtet gleicht das Bild mehr einer gut abgestimmten Ameisenstraße. Die von der Arbeit ermüdeten Autofahrer können endlich ohne Verzögerungen nach Hause fahren. Doch sie wissen, dass der Wahnsinn auf den Straßen morgen wieder von Neuem beginnt.

„Ich versuche die Stoßzeiten zu vermeiden, aber das gelingt mir nicht immer. Ich arbeite in der Nähe des Frankfurter Rings und fahre morgens so gegen 07 Uhr los und um 16 Uhr nach Hause. Da ich beinahe jeden Tag im Stau stehe brauche ich 75 min zur Arbeit.“

Xaver, 25, Frauenneuharting, Fahrtzeit ohne Verkehr: 45 Minuten

„Ich fahre täglich auf der B304 zur Arbeit nach Waldtrudering. Da ich an Öffnungszeiten gebunden bin kann ich mir nicht aussuchen, wann ich losfahren kann. Morgens fahre ich um halb acht los und fahre gegen 17 Uhr wieder nach Hause. Dafür brauche ich im Schnitt 30 Minuten. Ohne Verkehr würde die Fahrt nur 15 Minuten dauern.“

Florian, 26, Eglharting, Fahrtzeit ohne Verkehr: 15 Minuten

„Ich arbeite beim Rotkreuplatz. Meist fahre ich in der früh um 07.30 Uhr los. Im Schnitt brauche ich in etwa 30-35 Minuten. (in den Ferien 25 Minuten, montags über 40 min). Nach Hause fahre ich so um 17 Uhr und brauche im Schnitt 35-40 Minuten nach Hause. Wenn ich vor 7 Uhr fahre,  ist der Verkehr auf der Straße am besten. Ab 8 Uhr stehe ich nur im Stau.“

Florian Forstner, 29, Ascheim, Fahrtzeit ohne Verkehr: 22 Minuten

„Ich fahre meist morgens gegen 6 Uhr aus Puchheim los und zwischen 16 und 16.30 Uhr wieder zurück. Die Entfernung nach Trudering beträgt in etwa 50 km. Dafür brauche ich morgens in etwa 45 Minuten und abends 1-1,5 Stunden. Wenn ich morgens früher fahre, geht es schneller. Wenn ich nur wenige Minuten später fahre, wird die Anfahrt deutlich länger. Abends ist es genauso, je früher zurück umso besser. Was gar nichts bringt, ist später zu fahren. Vor 21 Uhr ist keine Entspannung mehr beim Verkehr.“

Sepp, 55, Puchheim, Anfahrt ohne Verkehr: 40 Minuten

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