Ein Leben ohne Alkohol

Von Robin Rüther

 

 

 

 

 

 

Rotwein, Bier, Doppelkorn: Alkohol lebt in unserer Gesellschaft. Doch vor allem die Nichttrinker leiden.

Norbert Siller bezeichnet sich als Oktoberfest-Freund. Früher hat er keinen Tag der Wiesn ausgelassen, nahm sich allein dafür Urlaub. Heute trinkt er nur noch Wasser und Grüntee, zwei Liter jeden Tag. Auf Alkohol hat er keine Lust mehr. Der 53-Jährige sieht zufrieden aus, redet schnell und mit markantem Südtiroler-Dialekt. 20 Jahre ist es her, dass er das letzte Bier genossen hat. Eigentlich wollte er nur bis Weihnachten Pause machen, doch aus ein paar Wochen wurden ein paar Monate. Und dann Jahre.

Es gibt mehrere Gründe dafür. Einerseits muss er für seinen Beruf nüchtern sein. Als Koch der Bayerischen Staatskanzlei und Besitzer eines Catering-Services fährt er regelmäßig im Auto zum Schlachthof oder zur Großmarkthalle – oft zu sehr frühen Stunden, mit häufigen Verkehrskontrollen. Andererseits: Ein guter Freund und Kollege starb an einer Alkoholvergiftung. Für Siller stand fest: „So enden möcht ich nicht.“

Egal ob auf Partys, Familienfeiern oder beim Fußball schauen, Alkohol gehört in der Gesellschaft dazu. Er erfüllt eine soziale Komponente, bringt Menschen zusammen. In Deutschland liegt der Pro-Kopf-Verbrauch bei knapp 10 Litern reinem Alkohol im Jahr. Als Nichttrinker fällt man da schnell aus der Reihe.

Vom Bierliebhaber zum Spinner

Das musste auch Siller erfahren. Einige seiner Freunde hatten kein Verständnis. Auf Ausflüge wurde er nicht mehr eingeladen, plötzlich war er langweilig, ein Spinner. Am Ende sind sogar Freundschaften daran zerbrochen. Mittlerweile hat sich die Situation entspannt, trotzdem muss er spöttische Blicke und Fragen über sich ergehen lassen. Und das nervt. „Ich frag doch auch nicht ‚Warum trinkst du ein Weißbier?‘ […] Du trinkst und basta. Ich trink‘s halt nicht.“

Vor ein paar Jahren ist er von der Wiesn heimgefahren. Seine vier Freunde hockten betrunken im Auto, er war nüchtern. Dabei geriet er in eine Verkehrskontrolle, aus der er so schnell nicht mehr herauskommen sollte. Denn der Alkoholtest zeigte 0,0 Promille an. Genauso wie der zweite. Und der dritte. Und der vierte und der fünfte. Rund eine Stunde später gaben die fassungslosen Polizisten auf, das Gerät funktionierte wohl doch einwandfrei. Gefunden haben sie am Ende trotzdem was, einer der Mitfahrer hatte sich nicht angeschnallt.

Norbert Siller

Mit 13 Jahren begann Norbert Siller seine erste Lehre, mit 18 war er bereits ausgebildeter Metzger, Konditor und Koch. Bevor er zur Bayerischen Staatskanzlei kam, arbeitete er unter anderem in Spanien, Thailand und der Schweiz. Mit seinem Catering-Service „Siller’s Frische Küche“ bringt er Kindern die Begeisterung fürs Kochen näher.

Jochen Redinger

Jochen Redinger arbeitet beim Videospielmagazin GameStar als Project Manager. In seiner Freizeit begeistert er sich unter anderem für Videospiele, Geschichte und Cosplay. Mit Alkohol hat er kein Problem, er trinkt nur keinen.

Leben und leben lassen

Auch Jochen Redinger hat ähnliche Erfahrungen wie Siller gemacht. Der 31-Jährige hat in seinem Leben noch nie einen Tropfen Alkohol probiert. Als die Phase in der Schule begann, in der jeder das erste Mal zum Bier griff, machte er nicht mit. Die Entscheidung war spontan, er hatte einfach keine Lust. Am Anfang forderten ihn seine Klassenkameraden zwar immer wieder auf mitzutrinken, lustig gemacht habe sich aber kaum jemand. Spätestens mit dem Führerschein sahen auch seine Klassenkameraden den Vorteil eines nichttrinkenden Freundes.

Generell geht Redinger sehr entspannt mit dem Thema um. Alkohol im Essen ist in Ordnung, solange er ihn verkocht. Betrunkene machen ihm nichts aus, auf Partys geht er ganz normal mit. „Man muss halt damit leben, dass einem manchmal Leute eine Geschichte dreimal erzählen […], aber das ist nicht schlimm“, sagt er mit seiner ruhigen, überlegten Art. Und auch wenn er jedes Mal wieder erklären muss, warum er nichts trinkt, stört ihn das nicht. Getreu dem Motto: leben und leben lassen. „Ich find’s auch okay, wenn Leute trinken. Das ist mir vollkommen egal – solange sie sich nicht in den Alkoholismus trinken. Aber selbst das wäre ihre eigene Entscheidung.“

Vom Alten Ägypten bis heute

Beruflich ist Redinger Project Manager beim Videospielmagazin GameStar, davor hat er Geschichte studiert. Darum weiß er, dass Alkohol Menschen schon immer begeistert hat. Bereits die alten Ägypter kannten und konsumierten Bier. Eine Theorie besagt sogar, dass die Menschen erst wegen des Alkohols sesshaft wurden. Und Bier und Wein hatten auch Vorteile gegenüber gewöhnlichen Getränken: Durch die antibakterielle Wirkung konnte man sie besser konservieren, während Wasser früher oft anfällig für Keime und Krankheiten war.

Sowohl Siller als auch Redinger machen ihren Mitmenschen keine Vorwürfe, weil die Bier, Wein, Sekt und Schnaps trinken. Auf der anderen Seite sollte aber auch niemand ihnen Vorwürfe machen, weil sie mit Alkohol nichts anfangen können. Sie haben sich für etwas entschieden, wofür sie sich nicht zu rechtfertigen bräuchten – aber immer wieder müssen. Ein bisschen ironisch ist es aber schon, wie Redinger feststellt: Denn letztlich sind es nicht die Abstinenzler, die ein Problem mit Alkohol haben, sondern vor allem die Trinker, die sich an den Nichttrinkern stören.

Könntest du von heute auf morgen aufhören Alkohol zu trinken?

„Ich könnte nicht von heute auf morgen aufhören, Alkohol zu trinken. Über eine weitere Reduktion der ohnehin bisher geringen Konsummenge könnte man sprechen, aber in geselligen Runden, bei guten Gesprächen und Ausgeh-Abenden ist Alkohol nicht wegzudenken und fest verankert. Für einen wichtigen Grund, wie eine Schwangerschaft oder eine Verschlimmerung einer Krankheit durch Alkohol könnte und würde ich von heute auf morgen jeglichen Konsum einstellen.“

Luisa, 24

„Eigentlich trinke ich sowieso nicht regelmäßig Alkohol. Aber wenn, dann nur in Gesellschaft oder zu besonderen Anlässen. Ganz oft auch in Situationen, in denen es schon irgendwie Brauchtum ist und „dazu gehört“. Beispielsweise beim Fußball schauen schmeckt mir das Bier komischerweise ganz besonders gut. Daher würde es mir bestimmt sehr schwer fallen, gerade in diesen Situationen darauf zu verzichten, das würde ich auch nicht wollen, glaube ich.“

Paul, 27

„Nein, es gibt keinen überzeugenden Grund, komplett aufzuhören.“

Martin, 30

„Nein, ich könnte nicht von heute auf morgen aufhören, weil es mir zu viel Spaß macht, Wein zu trinken und auszuprobieren. Und Bier ist für mich, im Sommer wenigstens, sowieso essenziell.“

Janosch, 23

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