Kaufen war gestern, tauschen ist heute

So viele Tauschbörsen gibt es derzeit in Deutschland

Tauschbörsen boomen. Sie sind  die Geheimwaffe gegen den modernen Kapitalismus in Großstädten. Auch auf dem Land greift das Tausch-Fieber mehr und mehr um sich. 

Biete Fußreflexzonen-Massage, suche Nähhilfe. Was erstmal komisch klingt, wird durch das Online- Netz der Obelio Tauschringe möglich gemacht. Ungewöhnliche Tauschgeschäfte sind dort keine Seltenheit. Wo kriege ich auf die Schnelle Schneeketten her? Und eigentlich wollte ich für den nächsten Mallorca-Trip ein bisschen Spanisch lernen. Für alle diese Probleme gibt es eine Lösung und die heißt: Tauschen!  Egal ob es sich um materielle oder immaterielle Güter handelt, immer mehr Menschen schließen Tauschgeschäfte ohne Geld ab. Mal mit etwas Mehl aushelfen oder vielleicht einen Laufpartner zum Joggen oder jemanden zum Kartenspielen finden. Das Leistungsspektrum von Tauschringen, Tauschbörsen, Tauschzirkel, Nachbarschaftshilfen oder Talent-Märkten, ist bunt wie ein Papagei. Die Idee der Tauschringe geht auf die Theorie der Freiwirtschaft des Ökonoms Silvio Gesell zurück. Eine Lehre, die dem Kapitalismus den Kampf erklärt. Nun mag man sich fragen: Ist das überhaupt legal oder handelt es sich hierbei um organisierte Schwarzarbeit? Manch einer witterte hinter dem Tauschen finstere Machenschaften. Doch: Solange die Tauschgeschäfte in kleinem Rahmen ablaufen und die Tauschgüter bzw. Tätigkeiten einen gewissen Rahmen nicht übersteigen, gibt es steuerrechtlich keine Probleme.

 

Die Münchnerin Manuela Wittmann zog es vor einigen Jahren in die Hallertau. Inspiriert von ihren Erfahrungen mit Tauschbörsen in Bayerns Landeshauptstadt  brachte sie die Idee von der Großstadt auf´s Land. 2013 gründete sie in der Hopfenstadt Mainburg einen Tauschring. „Es ist eine schöne Ergänzung zur Erwerbstätigkeit. Die Leute suchen zunehmend nach Alternativen“, erzählt sie. Ihre Erfahrung: Wer viel Zeit hat, hat meist wenig Geld und umgekehrt. Eine Tauschbörse ist daher ideal, um die eigenen Fähigkeiten zum Wohle Anderer einzubringen. Der Tauschring will ausgeglichenes Geben und Nehmen. Die eingebrachte Zeit wird in einer Tauscheinheit verrechnet. Eine Stunde Arbeitszeit ist für alle Menschen gleich, daher sind auch die Tätigkeiten gleich viel wert.

 

„Früher habe ich immer babygesittet und im Gegenzug Spanischunterricht genommen. Der Tauschring hat aber noch einen weiteren entscheidenden Vorteil: Indem man anderen hilft, entdeckt man manchmal Talente, von denen man noch gar nicht wusste, dass man sie besitzt. Durch den Tauschring hab ich meine Qualitäten als Märchenerzählerin entdeckt.“

Manuela Wittmann

Gründerin des Tauschring Hallertau

Eine Tauschbörse ist genau die richtige Anlaufstelle für Dich wenn Du:
  • Ausgemistet hast und nicht mehr benötigten Krempel loswerden willst
  • Soziale Kontakte knüpfen willst
  • Dinge brauchst, aber gerade knapp bei Kasse bist
  • ein Nachhaltigkeits-Freak bist
  • vorhandene Ressourcen nutzen und die Umwelt schützen willst
  • Geld sparen willst

Die Menschheit im Tausch-Rausch

Tauschgeschäfte sind alt. Schon unsere Vorfahren nutzten den Tausch als eine der elementarsten Formen des bargeldlosen Handels. Das Tauschen hat letztich die Wirtschaft begründet. Das soziale Leben der Menschen ist vom Gesetz der Reziprozität bestimmt. Ein Mensch hat oder kann etwas, worüber ich nicht verfüge. Im Gegenzug kann ich dieses bieten. Schon kam ein Tausch zustande, der beide Individuen weiter gebracht hat.  Tauschen ist somit über die Epochen zu einem Motor geworden, der dadurch positiv bewertet wird.

Selbst die für Tauschringe gängige Währung „Talent“ stammt noch aus der Antike, eine Geldeinheit aus Silber. Allerdings kam mit dem Tauschen noch etwas dazu: Das Gefühl ausgleichen zu wollen, selbst wenn man es nicht unbedingt bräuchte. Fast wie eine Art schlechtes Gewissen erinnert uns das Gesetz der Gegenseitigkeit, dass auch wir etwas zurückgeben wollen.Heute stehen Tauschringe für eine erweiterte Nachbarschaftshilfe, ein lokales, soziales und ökonomisches Netzwerk, oft mit ökologischer Ausrichtung.

Selbst starke Marken wie Pepsi-Cola haben das Tauschprinzip für sich entdeckt. Das Kultgetränk hat sich auf diesem Weg als erstes westliches Produkt in den sowjetischen Markt „eingetauscht“. Als Gegenleistung wurde Wodka auf dem US-Markt etabliert. Man staune: Sogar Mercedes hat seine Motoren schon gegen kubanischen Zucker gehandelt.

Bezahlen mit Talenten

Jenseits von Bargeld und Kreditkarten bezahlen – heute kaum vorstellbar. Tauschringe aber leben mit einer völlig eigenen Währung, jenseits gängigen Zahlmitteln. Eine alternativ angehauchte Ökonomie liegt ihnen zugrunde. Hier „zahlt“ man nämlich mit Talenten oder sogenannten Crossies. „Handeln muss nicht immer über Geldtransfer laufen, das haben wir inzwischen nur vergessen“, betont Manuela Wittmann. Mitglieder erlangen für jede geleistete Stunde ein Anzahl „Talente“, die ihnen auf einem fiktiven Konto gutgeschrieben werden. Darüber muss Manuela genau Buch führen. Mit den angesparten Talenten können die Mitglieder wieder andere Services in Anspruch nehmen. Grundlegend für die Verrechnung in Tauschringen mit Zeitwährung ist allein die aufgewendete Zeit der Teilnehmer. „Eine Stunde Lebenszeit ist immer gleich viel Wert, egal ob man Haare schneidet, Rasen mäht oder Gitarrenunterricht gibt“, sagt Manuela. Tauschringe orientieren sich nicht am Profit. Für angesparte Talente auf dem Konto gibt es keine Zinsen.

Tauschen macht glücklich

Nicht nur Gegenstände können geldlos gehandelt werden. Auch das eigene Wissen und Können ist wertvolles Tauschgut. Während man selbst vielleicht Meister im Tapetenstreichen ist, beherrscht ein Anderer das Backen von Schwarzwälder-Kirschtorten zur Perfektion. „Ein Tauschring funktioniert nur, wenn man aktiv ist und bereit sich zu vernetzen“, erklärt Manuela. „Man muss was tun. Es passiert nichts von alleine.“

Sie ist mit ihrer Idee nicht die Einzige auf dem Land.  Auch in Pfaffenhofen in Oberbayern gibt es seit September 2018 einen Tauschring. Mittlerweile verzeichnet das Projekt knapp 60 Mitglieder, die rund 90 Dienstleistungen und Gegenstände tauschen. Neben sozialen und handwerklichen Dienstleistungen werden z.B. aktuell Faschingskostüme zum Verleih, Strick- und Häkelauftragsarbeiten und der Verleih von Langlaufschiern für Damen und Herren angeboten. Gesucht werden im Gegenzug z.B. Personen, die Spanisch oder Schwedisch sprechen oder beim Erlernen eines Musikinstruments unterstützen wollen.

Uschi Schlosser, eine der Hauptverantwortlichen, weiß: „Tauschen lebt von Vertrauen. Je aktiver die Mitglieder sind, umso mehr wächst die Vertrauensbasis“. Die Anonymität schwindet. Bei den monatlichen Tauschtreffs wisse man schon, welches Gesicht sich hinter welchem Angebot verstecke. Schließlich lässt man sich nicht so leicht eine Fußreflexzonen-Massage von einem Unbekannten geben. Jeder der beitritt, erhält auf seinem Konto in der Regel 100 bis 200 Talente an Startguthaben. „Am Anfang sind die Leute noch zögerlich und wissen nicht so recht, was sie mit den Talenten anfangen sollen. Doch schon bald werden sie kreativ und die Tauschs – von der Kontaktaufnahme bis zur endgültigen Abwicklung – entpuppen sich als Selbstläufer“, fügt Uschi Schlosser an.

„In Anbetracht einer immer stärker werdenden Wegwerfgesellschaft sehe ich Tauschringe als sehr guten ökologischen Trend an. Viele Materialien würden einfach nur auf den Müll landen und die Umwelt belasten, während eine andere Person vielleicht genau einen Teil davon sucht oder das ganze Produkt noch sehr gut brauchen kann. Tauschringe sind das Gegenteil von Ausnutzen und „billigen Käufen“. Parallel dazu ist ja auch der Minimalismus sehr im Trend. Aufräumen, Entsorgen, Verabschieden von Dingen, die nicht unbedingt lebensnotwendig sind. Dieses Entsorgen hat sehr positive Funktionen für die Seele. Es fokussiert einen für das Wesentliche.

Allerdings wäre klassisches Entsorgen keine Wertschätzung der eigenen Erwerbsarbeit und sicherlich auf den ganzen Trend bezogen eine große Belastung für die Umwelt. Tauschringe kommen da gerade recht. Und natürlich haben auch Tauschringe einen sehr positiven sozialen Aspekt. Ich komme mit Menschen in Kontakt, die ich so möglicherweise nie kennengelernt hätte.“

Diana Gallmeier, Diplom-Psychologin

Tauschen stärkt unsere Beziehungen

„Tauschringe legen den Fokus wieder auf den Mitmenschen. Sie machen die Überlegung möglich, dass vielleicht genau mein Nachbar etwas brauchen kann und dieser Mensch genau derjenige ist, der auch mir weiterhelfen kann. „

Diana Gallmeier, Diplom-Psychologin

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