Töne gegen das Vergessen

Demenz und Alzheimer sind unbesiegbare Gegner. Doch Musik kann Patienten beeindruckend Hoffnung geben.

von Lucas Sauter Orengo

 

Für viele Alzheimer-Patienten beginnt der schönste Moment des Tages dann, wenn sie für kurze Zeit das Vergessen vergessen dürfen. Tief verwurzelte Erinnerungen und Gefühle schießen in den Kopf, als wäre die unheilbare Krankheit nie dagewesen. Dabei ist der Auslöser keine moderne Medizin. Es ist die reine Kraft der Musik.
„Wenn wir anfangen, unsere Lieder vor den Alzheimer-Patienten zu spielen, erleben wir einzigartige Momente“. Daniel Geßl ist 20 Jahre alt, schon als Kind hat er sich für Musik begeistert. Er spielt acht Instrumente, ist Teil des „Münchner internationalen Orchesters“. Hier lernt er Emily kennen. Sie erzählt ihm von der Musik-Gruppe „Herr August und Kollegen“, bei der sie spielt. Seitdem ist Daniel Teil des ehrenamtlichen Projekts, das für Demenzkranke und Alzheimerpatienten auftritt. „Wir treten zweimal monatlich in unterschiedlichen Einrichtungen auf. Was wir erleben, ist immer wieder unglaublich.“

Die Kraft der Musik

Die Gruppe „Herr August und Kollegen“ spielt ein speziell auf Alzheimer-Patienten ausgerichtetes Programm. Von peppigen Schlagersongs, Evergreens und Kinderliedern aus alten Zeiten ist alles dabei. Fünf bis zehn Personen zählt die Gruppe bei ihren Auftritten. Zu Beginn wird erst geschaut, ob es Leute gibt, die mitmachen wollen. Egal ob mit einer Rassel, mit Notentexten oder einfach mit Klatschen – alle dürfen: „Manchmal ist es am Anfang etwas schwierig, aber nach wenigen Minuten lassen sich die Menschen auf uns ein und genießen es einfach.“

Wenn Daniel und seine Crew dann mit Liedern wie „Mein kleiner grüner Kaktus“ oder „Mein Hut der hat drei Ecken“ beginnen, drehen sich alle zur Musikgruppe. Einige fangen an, mitzusummen, schon bald besingt ein Chor den Gemeinschaftssaal des Altersheims. „Unsere Lieder lösen tief verwurzelte Erinnerungen aus und bringen die Menschen dazu, sich an Liedertexte zu erinnern“, erzählt der Gitarrist und Sänger, für den die mitsingenden Menschen den Sinn seiner Arbeit ausmachen.

Alzheimer kommt langsam

Alzheimer ist eine Krankheit mit verschiedene Stufen. So auch das Bild der Erkrankten, wenn die Musik läuft. Vielen geht jedes Lied leicht über die Lippen. Für die, bei denen die Krankheit weit fortgeschritten ist, ist es jedes Mal ein Kampf, bekannte Zeilen wieder zu erkennen. „Nicht jeder ist sofort begeistert und macht mit. Ich erinnere mich an einen alten Mann, der apathisch in der Ecke saß. Erst wussten wir nicht einmal, ob er unsere Musik überhaupt wahrnimmt.“ Ohne Zwang spielt Daniel mit seinen Kollegen weiter, bis das vermeintliche Wunder passiert. „Wie aus dem Nichts haben wir bemerkt, wie der Mann, der nur vor sich hinstarrte, plötzlich anfing mitzusingen.“ Wenn Daniel erzählt, ist schnell klar, warum sich der Musikstudent auf diese Arbeit eingelassen hat. Seine Musik geht auf direktem Wege in Teile des Gehirns, und erreicht dabei jeden. „Es gibt einem unheimlich viel, die Begeisterung und Freude der Menschen zu sehen.“

Von „Stille Nacht“ bis „Que viva España“

„Herr August und Kollegen“ richten ihr Programm immer an der Jahreszeit aus. Um die Weihnachtszeit werden Lieder gesungen, die jeder der Alzheimer-Patienten aus seiner Kindheit kennt.  Spielen die Musiker nur die ersten Töne von „Stille Nacht“, sind die Menschen plötzlicher keine Alzheimer-Patienten mehr, sondern die Kinder, die sie einmal waren.  An anderen Tagen kann es auch wie bei einer Party zugehen, wenn der Schlager-Hit „Que viva Espana“ durch die Räume der Altersheime geschmettert wird.

„And action!“: Herr August und Kollegen zwischen Gänsehaut und Partystimmung:

Quelle der Fotos: Sabrina Raschpichler (http://www.sabrinaverte.com/)
Quelle der Tonaufnahme: „Herr August & Kollegen“.

Foto: Bayerischer Rundfunk

Frau Gorke, was macht ihren Job aus?

Ich arbeite seit Dezember 2018 in der Gesellschaft für Alzheimer in München. Vorher war ich lange Zeit in der stationären Tagespflege einer psychiatrischen Einrichtung. In meinem Job geht es hauptsächlich darum, eine gute Beratung für Angehörige zu sein. Die engsten Menschen von Erkrankten leiden unter einem sehr hohen Druck. Ich bin da, um in schwierigen Zeiten zur Seite zu stehen und über das Krankheitsbild und den besten Umgang damit aufzuklären.

Sie waren Tagespflegerin für Alzheimer-Patienten. Welche Rolle hat Musik in Ihrer Arbeit gespielt?

Eine große. Es ist das allerbeste Mittel! Ich habe täglich mit meinen Patienten gesungen. Es hat den Alltag wahnsinnig erleichtert. Selbst Patienten in einem weit fortgeschrittenen Status haben gerne mit mir mitgesummt – und ich konnte sie währenddessen leichter behandeln.  Das Langzeitgedächtnis ist immer sehr stark, während das Kurzzeitgedächtnis bei vielen wie erloschen ist. Die Erinnerungen an alte Kinderlieder sind dabei wie ein Schatz, der in den Patienten schlummert.

Wie sollte man die Musik als Laie im Umgang mit Alzheimer-Patienten einbauen?

Jeder Mensch ist individuell. Jeder ist mit anderen Liedern aufgewachsen, hat unterschiedliche Vorlieben. 

Man sollte sich bei Angehörigen schlau machen, was die entsprechende Person zu gesunden Zeiten gerne gehört hat. Und besonders wichtig: Was sie als Kind gehört hat! Die Kindheitserinnerungen sind meist am tiefsten im Gedächtnis verankert.

Haben Sie auch negative Erfahrungen mit Musik und Patienten erlebt?

Menschen, die sich in einem sehr weit fortgeschrittenen Stadium der Krankheit befinden, verlieren ihre Hemmungen. Es kann passieren, dass sie sich nervös und aggressiv verhalten. Es ist ein furchtbarer Zustand. Was dann besonders wichtig ist: Vertrauen. Ohne eine empathische Verbindung kann selbst die Musik nichts mehr anrichten. Das Entscheidende ist: Es geht immer um den entscheidenden Moment.

Statements vom Fach

Prof. Dr. Ralf Diehl  

Leiter des klinischen Studienzentrums am Alfred-Krupp-Krankenhaus und Demenzexperte

„Mit Musik erreicht man die Patienten emotional. Je länger die Erinnerung im Gedächtnis ist, desto resistenter ist sie für die Löschung.“

 

Dr. Christian Leibinnes

Alzheimer Forschung Deutschland

„In der aktualisierten Demenz-Leitlinie wurden ausdrücklich nicht-medikamentöse Therapieformen mit medikamentöser Therapie gleichgestellt. Die Musiktherapie führt häufig zu einer Aktivierung von Menschen mit Alzheimer und wirkt sich positiv auf ihr Wohlbefinden aus.“

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