Nichts als Blei: Wie vor 50 Jahren eine Zeitung entstand

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Gernot Sittner, ehemaliger Chefredakteur der SZ

Ich habe heute einen Artikel zu Hause geschrieben und einfach per Email an die Redaktion geschickt. Früher hätte man damit zur Zeitung fahren und das Manuskript abliefern müssen.“

 

Wenige Mausklicks reichen heute, um im Online-Journalismus im Minutentakt tausende News um die Welt zu schicken. Anders war es bei der Nachrichtenproduktion vor 50 Jahren. Wollte man eine Zeitung unter die Leser bringen, musste man mehr als nur einen Finger krümmen. Und man brauchte Metall.

41 Jahre lang machte sich Sittner jeden Morgen in Anzug und Krawatte auf den Weg zur Arbeit in das „Schwarze Haus“ der Süddeutschen Zeitung an der Sendlinger Straße 8. Seine Schreibmaschine der Marke Triumph-Adler wartete bereits im Büro auf ihn.

Während vor dem Gebäude Straßenmusiker spielten, grübelten Chefredakteure und Ressortleiter über die Schlagzeilen des nächsten Tages. Heute befindet sich dort das Modegeschäft „Abercrombie & Fitch“, und anstelle der Musikanten stehen jetzt durchtrainierte junge Männer vor der Eingangstür.

 

Der Meister der Seite Drei

Sittner kam 1964 zur Süddeutschen Zeitung und schrieb über lokale Themen und Schulreformen, ehe er 1972 als Ressortleiter und ab 1993 als Chefredakteur die legendäre Seite Drei übernahm. 17 Jahre lang redigierte er Texte der Redakteure, ohne dabei wie ein „Oberlehrer“ aufzutreten, wie er selbst sagt. Wenn er ein Lob für den einen oder anderen Reporter aussprach, dann war das kurz und treffend: „A guade Gschicht.“ Immer an seiner Seite: seine Schreibmaschine. Heute arbeitet er mit einem Laptop von Zuhause aus. Obwohl er seit 2005 im Ruhestand ist, schreibt er immer noch ab und zu Beiträge für die Süddeutsche Zeitung. Die Zeit, als sich die Zeitungsproduktion noch über viele Abteilungen vollzog, war für Sittner Alltag.

 

 

 

 

Zeitungsproduktion-frueher-gernot sittner

Die Spezialeinheit

Damals dauerte das nicht nur länger, sondern erfolgte auch über viele Arbeitsschritte. Was heute ein einziger Redakteur am Computer erledigt, mussten früher unterschiedliche Mitarbeiter erledigen, die an verschiedenen Stationen für den Produktionsablauf zuständig waren. Bis in die 80er Jahre waren die Texter auf Schriftsetzer, Korrektoren und Metteure angewiesen. Diese Fachkräfte repräsentierten ein besonderes Handwerk. Man nannte es “Schwarze Kunst“, die Herstellung einer Papierzeitung mit schwarzer Druckerfarbe.

 

Die Schriftsetzer: die menschlichen Computer

Früher schrieb der Journalist das Manuskript auf der Schreibmaschine und versah es mit Druckanweisungen. Um spätestens halb vier musste es in der Setzerei vorliegen, denn dann folgten ja noch weitere Schritte. Durch das elektronische Redaktionssystem hat sich der Redaktionsschluss heute nach hinten verschoben. Ein Redakteur kann bis 23 Uhr noch aktuelle Informationen in seinen Text einfügen.

 

 

Die Setzerei kennt Sittner gut. „Das war im Technikgebäude. Da standen in einem Saal 32 Setzmaschinen und in einem weiteren nochmal 20.“ Hier griff der Setzer mit der einen Hand zum Setzkasten und mit der anderen zum sogenannten Winkelhaken. Mühsam setzte er das Manuskript Bleibuchstabe für Bleibuchstabe zusammen. Anschließend wurde es Zeile für Zeile in Blei gegossen.

 

Von Hurenkindern und Schusterjungen

Sorgfalt war extrem wichtig, denn hin und wieder entließen die Schriftsetzer Hurenkinder und Schusterjungen in die Welt. Stand die letzte Zeile eines Absatzes am Anfang der neuen Seite, sprachen sie von einem Hurenkind. Wenn die erste Zeile eines neuen Absatzes am Ende einer Seite platziert wurde, nannten sie das einen Schusterjungen. Auch Fehler passierten: So kam es einmal beim Setzen eines Kirchenanzeigers vor, dass eine Druckanweisung des Redakteurs nicht entfernt und Bemerkungen wie „Oh Schmarrn“ mitgedruckt wurden.

 

 

 

Die Korrektoren: die Grammatikkünstler

Vom Zwischenprodukt aus der Setzerei wurde ein erster Abzug gemacht, die Druckfahne. Jetzt waren die Korrektoren an der Reihe. Sie verglichen den Abzug mit der Vorlage. Manchmal musste der Schriftsetzer Fehler korrigieren – und gelegentlich sogar einen ganzen Absatz Buchstabe für Buchstabe neu setzen.

 

Die Metteure: die Designer

Nun kam der Metteur zum Einsatz, der Layouter und Designer der “Bleizeit“. Er war für das Aufteilen und passende Einteilen der Texte, Überschriften und Bilder auf einer Seite zuständig. Für den heutigen Redakteur am Computer ist das Layouten mit Hilfe entsprechender Programme eine einfache Sache. Ein Metteur musste manuell arbeiten. Er fügte die Bleiseiten auf Metallplatten Stück für Stück zusammen. „Manchmal war der Tipp, den ein Metteur zur Gestaltung gegeben hat, besser als das, was man sich selber vorgestellt hat“, erinnert sich Sittner lächelnd.

 

Nach dieser Puzzle-Arbeit kam der letzte Schritt im Produktionsprozess: das Drucken. Das Druckbild wurde zunächst auf einen mit Gummituch überzogenen Zylinder übertragen und im zweiten Schritt mit Blei übergossen. Der Drucker montierte es auf die Walze und druckte es. Heute drückt der Ressortleiter eine Taste auf dem Computer und schickt den Artikel an die hochmoderne Druckmaschine.

 

Bilder aus dem Reagenzglas

Kein Redakteur muss sich heute Gedanken über Zinkplatte, Druckform und Blei machen, wenn er Bilder auf einer Seite platziert. Vom PC und Smartphone greift er auf Bilder zu und wählt sie aus. Früher war das aufwendiger – der Journalist musste sich auch mit dem Seitenverhältnis der Zeitung gut auskennen. Er wählte sein Bild aus und gab einen Ausschnitt für die Platzierung an. Dann kam es in die Chemigrafie. Dort wurde in einem photochemischen und langwierigen Verfahren eine Autotypie, eine Druckform aus Zink hergestellt, mit der die Fotos auf das Papier übertragen wurden.

 

 

 

 

Von Blei zu Silizium

Heute ist das wichtigste Element der Zeitungsproduktion nicht mehr Blei, sondern Silizium. Die alte Herstellung mit Bleibuchstaben, Setzern, Korrektoren und Metteuren ist ausgestorben. Und man muss sich auch nicht mehr die Hände schmutzig machen. Die Technik ist zu den Redakteuren auf den Schreibtisch gekommen – in Form von Computern. Die Metallplatte, auf der die Seite gebaut wurde, ist der Monitor, der Winkelhaken eines Setzers die Maus und der Setzkasten mit den Bleibuchstaben die Tastatur. Am Rechner kann Sittner heute die korrekte Silbentrennung, den neuen Absatz oder den richtigen Sitz der Headline schnell selbst überprüfen. Trotz Digitalisierung ist er heute noch immer ein überzeugter Zeitungsleser und nimmt sie gerne in die Hand.

Bildrechte: Archiv des Münchner Merkur

 

 

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Gernot Sittner, ehemaliger Chefredakteur der SZ

Es lohnt sich auf jeden Fall, eine Papierzeitung zu kaufen. Die Zeitung können Sie überall mitnehmen, auch wenn man mal kein WLAN hat. Die Papierzeitung ist einfach übersichtlicher und kompakter als die Online-Zeitung.“

 

 

Wer ist Gernot Sittner?

  • *27. Juni 1938 in Sulzbach-Rosenberg
  • Studium in Germanistik, Anglistik, Philiosophie und Geschichte in München
  • Promotion in Literaturgeschichte
  • 1964: Lokalredaktion bei der Süddeutschen Zeitung
  • 1972: Ressortleiter für die Seite Drei
  • ab 1993-2005: Chefredakteur bei der Süddeutschen Zeitung
  • Hobbys: Bergsteigen und Wandern

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