Im Waldkindergarten: Zu Besuch beim Matschmann

Eine Nussschale das Fernglas, Tannenzapfen das Schokoladeneis – Im Waldkindergarten spielen Kinder bei jedem Wetter draußen. Mit viel Phantasie und ohne sich zu langweilen. Ein nasser Besuch im „Spatzennest“ in Chieming.

„Tatü-Tata“ ertönt es laut. Zwei Kinder in bunten Regenjacken und Matschhosen flitzen zwischen den Bauwägen hervor. In der Hand zwei Feuerwehrschläuche, es sind Holzstöcke. Sie müssen jetzt ganz schnell einen Brand am Bauwagen löschen. Wasser marsch!

Im Waldkindergarten „Spatzennest“ in Chieming, einem der größten Waldkindergärten im Landkreis Traunstein, gibt es kein festes Gebäude, keinen eingezäunten Spielplatz und keine Angst vor schlechtem Wetter. Zwei umgebaute Bauwägen in leuchtendem rot und gelb dienen als Treffpunkt, an dem die Eltern ihre Kinder jeden Morgen abliefern. Heute machen sich fünf der sechs Erzieherinnen und 20 Kinder zwischen drei und sechs Jahren auf in den Wald. 

Waldkindergarten Spatzennest

Von Skandinavien nach Deutschland
  • Das Konzept des Waldkindergartens stammt aus Dänemark
  • 1993 wurde der erste staatlich anerkannte Waldkindergarten in Flensburg gegründet
  • Aktuell gibt es ca. 1000 Waldkindergärten in Deutschland

Los geht’s

„Wo wollt ihr heute hin?“ Erzieherin Mona schaut in die Runde und die Kinder sind sich sofort einig. „Zum Baumhaus!“ rufen sie. Der Regen prasselt vom Himmel, doch die Vorfreude auf den Wald lässt sich hier niemand verderben. Mit dem Bollerwagen im Schlepptau wandert die Gruppe los in den Wald. Auf dem Weg heben die Kinder immer wieder Blätter vom Boden auf, Regenwürmer werden begutachtet und Stöcke gesammelt.

Im Wald riecht es nach feuchter Erde und frisch geschnittenem Holz, Vogelgezwitscher mischt sich mit Kinderstimmen. Schon nach einer Viertelstunde taucht zwischen Zweigen das Dach des Baumhauses auf. Die Kinder sind nicht mehr zu halten, sie stürmen vergnügt den Hang zum Baumhaus hinunter. „Den Kindern ist nur selten kalt, die sind immer in Bewegung“ sagt Erzieherin Anna-Lena.

Das spricht dafür
  • Ungehindertes Ausleben des natürlichen Spiel- und Bewegungsdranges
  • Anregung der Phantasie durch Verzicht auf vorgefertigte Spielzeuge
  • Stärkung des Immunsystems
Das sollten Sie wissen
  • Lange Anfahrtswege möglich, da Waldgebiete häufig am Stadtrand liegen
  • Betreuungszeiten oftmals nur halbtags
  • Intensive Elternmitarbeit nötig, wenn Träger Elterninitiativen sind

Kreativität im Wald

Der gemeinsame Morgenkreis findet im Baumhaus statt. Die Kinder sitzen auf dem Boden im Kreis, sie begrüßen den Tag und singen das Lied „Die Erde ist mein Körper“. Anschließend geht es in Freispiel.

Das Fenster im Baumhaus wird zum Kaufmannnsladen umfunktioniert, bezahlt wird mit Rindenstückchen. „Tannenzapfen?“ „Nein, das ist Schokoladeneis!“ klärt Johannes seine Mitspieler auf. Anderswo wird ein Stein zum verzauberten Delphin und ein Sägemehlhaufen zum Trampolin. Emma schaut durch ein Fernglas, es ist eine Nussschale mit einem Loch in der Mitte. Es wird auf Baumstämmen balanciert, über Wurzeln gesprungen und auf Bäume geklettert. „Interessant ist, dass die Kinder nie nach Spielzeug fragen, sie spielen einfach mit dem, was der Wald ihnen bietet“ erklärt Erzieherin Mona.

Die wichtigste aller Fragen

„Du, ich muss mal“ sagt ein Kind und zupft am Ärmel einer Erzieherin. Ganz selbstverständlich machen sich die beiden auf den Weg zum Klobaum, der ein paar Meter vom Baumhaus entfernt ist. Die Klobäume sind mit einem Kloschild gekennzeichnet. Die Kinder scheinen kein Problem damit zu haben, im Freien zu Pinkeln. „Die häufigste Frage, die Eltern stellen, ist die Klofrage“ sagt Erzieherin Britta und lacht. Wenn es nötig ist, wird mit einer Schaufel die Stelle eingebuddelt und mit einem Stöckchen markiert. So ist für alle klar: Diese Stelle nicht mehr benutzen.

Ab durch den Matsch

Heute ist die Matschwiese am Waldrand ein beliebter Ort. Aus dem nassen Schlamm formen einige Kinder Kugeln. Was im Winter ein Schneemann werden würde, wird jetzt ein Matschmann. Andere Kinder stochern mit Stöcken im Matsch herum, bauen Staudämme fürs Regenwasser oder springen einfach mitten hinein. Da kann schon mal was schiefgehen. „Jedes Kind ist für einen Waldkindergarten geeignet, die Frage ist eher ob die Eltern es sind.“ sagt Erzieherin Mona.

Am Ende des Vormittags kommt die Gruppe wieder zum Abschiedskreis zusammen. Sie singen das Lied „Ich mag die Blumen“ und zum Abschied darf jedes Kind von seinem schönsten Moment des Tages erzählen. Dann packen die Erzieherinnen und Kinder die mitgebrachten Sachen wieder in den Bollerwagen und wandern durch den Wald zurück.

Phantasievolle Fundstücke

Einige Eltern warten schon an den Bauwägen. Johannes ist etwas empört, dass er schon nach Hause muss. Er ist ja noch gar nicht fertig mit Spielen. Emma drückt ihrem Vater ihre matschige Jacke und ihre Fundstücke aus dem Wald in die Hand. Das Nussschalen-Fernglas ist auch dabei. 

Informationen zum Waldkindergarten „Spatzennest“
Kellerstraße, 83339 Chieming
Waldtelefon: 0175-8791740

So viele Kindertageseinrichtungen gibt es in Bayern ...

... und so viele Waldkindergärten (2015).

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