Sportjournalismus 2.0

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Dominik Böhner

Jeder Journalist muss und soll das Interesse haben, selber Fragen stellen zu dürfen, selber eigene Bilder drehen zu dürfen und diese Berichterstattung selbst journalistisch einzuordnen.

Früher waren Sportjournalisten die Herren über die Berichterstattung. Doch mittlerweile speisen Fußball-Bundeligisten die Medien lieber mit hausgemachter Kost ab. Viele Vereine gewähren selber tiefe Einblicke in ihr Innenleben – und verändern so die Arbeit von Sportjournalisten grundlegend.
Der kleine Ailton

Ein Mann steht nackt in einem kleinen Swimmingpool und reckt die Arme in die Höhe. Um ihn herum tanzen weitere Erwachsene durch das blaue Nass. Es ist der 8. Mai 2004. Soeben hat sich Werder Bremen mit einem 3:1-Sieg über den FC Bayern München im altehrwürdigen Olympiastadion die vierte Deutsche Meisterschaft gesichert. Nach der Party auf dem Rasen samt Bierdusche, verlagern die grün-weißen Kicker die Feier in die Katakomben der alten Bayern-Spielstätte. Mit dabei: ein Kameramann des Sky-Vorgängers Premiere. Der Mann hält das Bild fest, das bis heute wie kein anderes für die Bremer Meisterfeier steht. Ailton Gonçalves da Silva, kurz Ailton oder „Kugelblitz“, tanzt durch das Ermüdungsbecken der Münchner Gästekabine. Ein interner Einblick. Ein Traum für eingefleischte Fans. Festgehalten von einem Journalisten.

Zehn Jahre sind eine lange Zeit

Ein Sprung durch die Zeit – 25. März 2014, Olympiastadion, Berlin. Durch den 3:1-Triumph des FC Bayern über Hertha BSC ist dem Vorzeigeklub die Meisterschale nicht mehr zu nehmen. Einer kurzen Feier auf dem Rasen folgt eine Selfie-Lawine aus der bajuwarischen Kabine. Einen unabhängigen Kameramann sucht man vergeblich. Freude? Selbstverständlich! Nackte Einblicke? Fehlanzeige! Einzige Aufreger: hier und dort eine Bierflasche. Nicht wirklich eine Exklusivstory oder ein Bild, an das sich Fans noch Jahre später erinnern werden. Woher diese Zurückhaltung?

Wir müssen draußen bleiben

Bis vor wenigen Jahren waren interne Eindrücke wie das Bremer-Meisterfoto Standard. Vereine öffneten ausgewählten Journalisten ihre Kabinentüren. Die Berichterstatter hatten einen Presseausweis als Persilschein, der ihnen Zugang zu fast allen Bereichen im und ums Stadion sowie auf dem Trainingsgelände sicherte. Die Szene nannte sie liebevoll „Hausreporter“. Eine aussterbende Gattung.

Wieso steht diese „Reporter-Art“ auf der Roten Liste? Der Grund heißt: Vereins-TV. Eingeführt wurde das Medium durch englische Premier-League-Klubs. „Dort sieht kein Journalist Spieler oder Trainer unter der Woche“, sagt Dominik Böhner, Redaktionsleiter von Sky Sport News HD. Die Fans auf der Insel hatten nach immer tieferen Einblicken gelechzt. Die aus Sicht der Vereine einfachste Lösung: selber geben. Das bietet laut Dr. Christoph G. Grimmer, Lehrkraft am Institut für Sportwissenschaft der Uni Tübingen, einen wesentlichen Vorteil: „Die Verantwortlichen können sich in Zusammenarbeit mit dem Spieler Fragen und Antworten überlegen. Auch den Zeitpunkt der Publikation bestimmt der Verein.“ In Deutschland ist Bayer 04 Leverkusen Vorreiter. Die Werkself gründete bereits im Jahr 2000 den hauseigenen Kanal „Bayer-04-TV“. Der FC Bayern München und Borussia Dortmund zogen zwei beziehungsweise drei Jahre später nach. Mittlerweile betreibt die gesamte Liga bis hin zum Aufsteiger SC Paderborn ein eigenes Video-Medium. Das Portfolio umfasst Fußball-Talks, Trainingsvideos oder sogar Kochsendungen mit geschwungenen Namen wie „Brinkhoff‘s Ballgeflüster“, „Kick it like Schalke“ oder ganz schlicht „Nobby kocht“. Neben Sport- News geht es vordergründig um interne Einblicke für den Fan.

Dominik Böhner
Christoph Grimmer
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Dr. Christoph G. Grimmer

Der Mehrwert liegt immer noch im klassischen Journalismus.

Was für den Fan eine Bereicherung ist, hindert den Sportjournalisten an der täglichen Arbeit. Rechteinhaber Sky klagt vor allem über den Verlust an Exklusivität: „Es gibt immer mehr Anfragen von immer mehr Medien. Hier muss man ein gesundes Maß finden, was die Zusagen betrifft“, sagt Böhner. Der Bezahlsender aus Unterföhring klagt jedoch auf einem hohen Niveau, wie der Redaktionsleiter hinzufügt: „Gerade bei der Champions-League-Produktion ist Sky sehr zufrieden. Dort bekommen wir oft verletzte oder gesperrte Spieler als Studiogäste zugesprochen.“ Ein Luxus, der Medien ohne exklusive Rechte selten zuteil wird. Vor allem die Zeitungen leiden unter den Formaten der Klub-TVs. Interviewanfragen lehnen die Vereine oft direkt ab. Der Klub verweist die Journalisten nur allzu gerne auf das verfügbare Material der Hofberichterstattung. Promotion at it’s best!

 

 

Aus der Not geboren

Für die meisten Vereine eine ertragreiche Sache. Zwar bieten immer mehr Klubs ihr Portfolio umsonst an, der monetäre Gewinn steht jedoch sowieso nur für die Big Player im Fokus. Für viele Vereine ist die gefühlte engere Bindung der Anhänger an die Mannschaft das Hauptanliegen. „30 Millionen Fans können das Angebot von FCB-TV sehen, egal wo sie sich aufhalten“, erklärt Bayern-Marketingchef Markus Hörwick gegenüber dem NDR. Eben diese Globalisierung des Fußballs hat viele Klubs zum eigenen TV-Sender gedrängt. Allerdings nicht aus Liebe zu den Fans, sondern aufgrund von schlichter Arbeitserleichterung. Auf Spieler und Klubs bricht eine nie dagewesene Medienwelle ein. Diese bekam Borussia Dortmund im vergangenen Sommer zu spüren. Als der BVB den Transfer von Shinji Kagawa von Manchester United verkündete, machte sich sogleich eine Schar von einem Dutzend japanischer Journalisten auf den Weg in die selbsternannte Fußballhauptstadt – und belagerte eine Woche lang das Trainingsgelände im Stadtteil Brackel.

Beispiel Pep Guardiola:

Pep Guardiola zählt nicht nur zu den weltbesten Trainern, er fällt auch durch einige Extravaganzen auf. Seine nicht vorhandene Zusammenarbeit mit der Presse ist berühmt berüchtigt. Bereits als Trainer des FC Barcelona verwehrte er jeglichen Kontakt zu den Medien. In München knüpft er an diese Herangehensweise nahtlos an.

In den bisherigen zwei Jahren in denen er im Amt ist gab der Katalane exakt zwei Interviews. Eines dem FC Bayern Fan-Magazin und eines Herrn Dr. Rupert Stadler. Seines Zeichen Vorstndsvorsitzender der Audi AG. Veröffentlicht wurde das Gespräch als Einleitung im Jahresbericht des Autobauers. Für Journalisten ist der Zampano nur auf Pressekonferenzen zu greifen. Die Medienscheu des Coaches geht angeblich soweit, dass er sich eine Anti-Interview-Klausel in seinen Vertrag schreiben lies.

Sportwissenschaftler Grimmer sagt: „Dies führt dazu, dass Top-Klubs diesem enorm großen Andrang nicht mehr gerecht werden können.“ Daraus folge, dass die Klubs statt Einzel- lieber Gruppeninterviews akkreditieren. Keine Exklusivität, keine tiefen Einblicke. Am Ende bleibt für den Konsumenten ein aalglattes Interview ohne persönliche Note. Inwieweit das Publikum diese Entwicklung bestärkt, ist noch nicht abschließend zu beurteilen: „Es ist schwer zu sagen, wie viele Rezipienten den Transfer zwischen PR und ursprünglichem, klassischem und kritischem Journalismus leisten können“, gibt Grimmer zu bedenken. Schlussendlich liegt die Entscheidung beim Fan. „Gucke ich mir lieber die Interviews von unabhängigen Medien an oder entscheide ich mich für das Klub-TV, bei dem ich weiß, dass kritische Fragen in der Regel nicht geklärt werden?“ Trotz aller Neuerungen ist sich Grimmer deshalb sicher: „Der Mehrwert liegt immer noch im klassischen Journalismus.“

Anpassung ist der Weg zum Erfolg

Dieser Mehrwert äußert sich nicht mehr im klassischen Sinne. Viel mehr verändert er die Kernarbeit eines Sportreporters. Weg von den klassischen Interviews und den Storys neben dem Platz, hin zu mehr kritischem Hinterfragen von Vereins-Publikationen und verstärkter Analyse von Spielen und Geschehnissen. „Diese Anpassung ist bereits deutlich erkennbar an der zuletzt zunehmenden Anzahl von Analyseformaten“, sagt Grimmer und verweist auf die hohe Anzahl neuer Sendungen im TV. Als Beispiele führt der 29-jährige das neue 3D-Analyse-Tool des Sportstudios oder Sky90 an. Ein Talkformat, ähnlich dem Sport1 Doppelpass. Jedoch steht in der von Patrick Wasserzieher moderierten Sendung die Analyse und journalistische Einordnung von Vorfällen auf und abseits des Grüns im Vordergrund. „Die klassischen Medien sind durch Klub-TV dazu angehalten, sich neue Formate zu überlegen, um weiterhin einen Mehrwert für den Zuschauer zu schaffen“, erklärt der Wissenschaftler die Herausforderung. Düstere Wolken sieht er dennoch nicht aufziehen und zieht am Ende sogar ein positives Fazit: „Vereins-TV hat die Arbeit der Sportjournalisten in weiten Teilen natürlich verändert, aber die Qualität der klassischen Medien damit auch weiterentwickelt.“

Die Bayern-Fans mussten 2014 übrigens nicht auf Feierbilder ihrer Idole verzichten. Selbstverständlich war ein Reporter des Haussenders vor Ort.

Titelbild: Sven Leifer

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