Weltstadt mit Salatherz

Ob Urban Gardener, Vereinsmeier oder Efeuretter: Die Gärtner der Stadt haben viele Gesichter. Auf Tour durch Münchens grüne Oasen.


Hof mit Efeu

Im Herzen der Maxvorstadt zwischen Studenten, Kinderwagenmuttis und Szeneläden stehen Helma und eine Nachbarin an der offenen Wohnungstür. Drei Etagen rankt sich der Efeu am Haus hoch. „Die von GreenCity haben uns geholfen. Wir hatten ja viele Gegner, die wollten den Efeu nicht.“. „Nicht so laut“ sagt die Nachbarin scherzend. Drinnen strahlen von den Wänden blumengefüllte Gärten. Helma, als Wandmalerin bekannt, ist Künstlerin und Individualistin: „Vor mir ist keine Wand sicher.“ Dazu gehört auch die Hausfassade. 1989 zogen sie und ihr Mann David in das Haus mit 16 Parteien. Bald nach dem Einzug pflanzte Helma den ersten Efeu, schon damals mit Protest des Hauseigentümers. Aber der verebbte. Doch 2014 sollte das Dach renoviert werden und der Efeu weg. „Die Wohnung ist immer voll mit Viechern“ und „Efeu macht die Fassade kaputt“, schimpften die Gegner der Eigentümerversammlung. Dagegen sieht Silvia Gonzalez, stellvertretende Geschäftsführerin des Vereins GreenCity, viele Vorteile: Pflanzen wärmen im Winter, kühlen im Sommer und schützen den Putz. Insekten bleiben laut Gonzalez lieber in ihrem natürlichen Lebensraum. Doch wie ein Garten müsse das Grün gepflegt werden.

„Der bekommt es mit der Galle, wenn er Efeu sieht“

Mit den Pro-Argumenten kamen Helma und David nicht weiter und holten sich Hilfe vom Begrünungsbüro. Das ist eine Projektgruppe von GreenCity e.V. – seit zweieinhalb Jahren unterstützen sie durch ihre Beratungen Eigentümer zum Thema Fassaden- und Dachbegrünung. Wir wollen „aufklären, Vorurteile abbauen und zeigen, dass bei fachgerechter Beratung und Pflege nichts passieren kann“, sagt Silvia Gonzalez. Das schafften sie auch bei der Fassade in der Türkenstraße. Die Eigentümer einigten sich und der Efeu durfte bleiben. Helma und David lieben ihren Efeu, aber er entzweite fast die Nachbarschaft. Dabei sind Pflanzen wichtig als Klimaschützer. Und sie verstärkten „die Netzwerke in den Stadtteilen“, ist Gonzalez überzeugt.

Die grünen Dächer und Fassaden Münchens

findet ihr hier: GreenCity

 

 

 

Spießerparadies Schrebergarten?

In Sendling blüht zwischen Mittlerem Ring und Israelitischem Friedhof ein eingezäuntes Paradies. Saftiges Grün schirmt die Gärten der Kleingartenanlage Süd-West 25 vor den Blicken ab. „Radfahren verboten“, steht auf einem Schild am Tor. Darunter: „Hunde sind an der Leine zu führen.“ Im Innern reiht sich Garten an Garten, üppig, gepflegt. Zwischen weißem Jasmin und grünen Wipfeln weht ein Fähnchen in Schwarz-Rot-Gold. Ein stark geschminkter Gartenzwerg grüßt. Feierabend: Hier kehrt eine Frau die Zweige der gestutzten Hecke zusammen, dort genießen sechs Rentner bei einem Bier das Ende eines sonnigen Gartensamstags.

Heiß begehrt: Kleingärten in München

München hat weniger Kleingartenflächen als die meisten anderen Großstädte in Deutschland. Axel Pürkner, Vorsitzender des Kleingartenverbands München, beobachtet eine hohe Nachfrage: „Die Entwicklung ist extrem. Wir müssen leider unentwegt Absagen machen.“ Insbesondere bei Familien mit Kindern sei es wieder „in“, einen Kleingarten zu haben. „Sie wollen den Kindern ein Stück Natur nahebringen.“

„Hier fehlt eine Generation“

Bernd rollt den Gartenschlauch vor seinem roten Häuschen ein. Seine Frau Kathrin und er zeigen stolz Apfelbäume, Himbeerbüsche und die neu installierte Solarzelle auf dem Hüttendach. Im Sandkasten buddelt Sohn Georg (4), Tochter Vroni (6) nascht Erbsen vom Strauch. Seit fünf Jahren haben die Lehrerin und der Ingenieur den Garten gepachtet, nach zweieinhalb Jahren auf der Warteliste. Eine verhältnismäßig kurze Wartezeit: Wöchentlich gehen Bewerbungen ein. Für 304 Quadratmeter zahlt das Paar jährlich rund 300 Euro mit Nebenkosten – für Münchner ein Schnäppchen. Doch von den 83 Kleingärten auf dem Gelände wird pro Jahr gerade mal einer frei. Für ein Viertel ist die Nachfolge geregelt, meist übernehmen die Kinder der Vorpächter. Kathrin und Bernd stehen für eine neue Kleingärtnergeneration: jung, akademisch, überzeugte Städter. Denn: „Hier fehlt eine Generation“, beschreibt Bernd, was viele Kolonien prägt. Ein Großteil der Vereinsmitglieder ist älter als 70, die meisten haben früher in Sendlings Fabriken oder im Schlachthof gearbeitet. Für sie ist ihre Parzelle ein Garten fürs Leben.

Comeback des Biedermeier?

Der ideale Bewerber hat laut Bernd auch Spaß am Vereinsleben. Leben im Verein, das bedeutet: Sommerfest, monatlicher Frühschoppen, Jahreshauptversammlung. Zudem gibt es vom Schriftführer bis zum Werkzeugwart Ämter zu bekleiden. Bernd engagiert sich im Vorstand. „Es ist sehr kommunikativ, das muss man schon mögen.“ Und wie in jedem sozialen Biotop werden im Verein Konflikte ausgetragen: Wenn ein Garten verwahrlost. Wenn der haushohe Lebkuchenbaum den Nachbarpflanzen das Licht raubt. Hinzu kommen die Regeln: Von Zaunhöhe bis Rasenmäherlautstärke schreiben Bundeskleingartengesetz und Gartenordnung Details vor. Klar sei das auch spießig, sagt Bernd. „Früher durfte man zwischen 12 und 15 Uhr gerade noch atmen.“ Heute sei das nicht mehr so. „Wir leben das etwas flexibler.“ Dennoch: Die Stadt München kontrolliert zweimal im Jahr die Anlage. „Wenn da verbotene Gehölze drin sind, wenn einer kein Gemüse hat, wenn etwas verwildert ist, fällt das auf uns zurück.“ Im schlimmsten Fall muss die Kolonie einer Wohnsiedlung weichen. Die Pforte schließt um 20 Uhr.

 

 

 

 

"Der Austausch wird gefördert"

Irene Nitsch über den Grünspitz

Der Giesinger Grünspitz: „Das Gärtnern ist die Keimzelle“

Ein bekiestes Dreieck mit hohen Kastanien. Einen „Platz für alle“ nennt ihn Irene Nitsch, Kopf des Teams Urbanes Gärtnern bei GreenCity. Umgeben von bestrickten Bauzäunen stehen in einem kleineren Teil 15 Hochbeete und ein Gewächshaus. Früher war die Fläche schulterhoch mit Brombeeren überwuchert. Ein Strauch in der Ecke ist geblieben. 2014 war das. Seitdem hat sich auch in der Organisation einiges geändert. Denn die Beete gehören nicht allen, sondern sogenannten Beetpaten. Die beiden Frauen vor dem Gemeinschaftsgarten gehören dazu. Jeder bewirtschaftet und pflegt sein eigenes Beet und „es gibt eine stillschweigende Übereinkunft, dass man beim anderen nicht räubert“. Einmal kam es schon vor, dass ihr Sellerie am nächsten Tag weg war, erzählt die eine. Oder im Nebenbeet die Erdbeeren Schneckenfutter wurden. Da habe sie sich schon geärgert. „Aber eigentlich könnten hier alle machen, was sie wollen, die Schnecken und die Pflanzen“ – beide Lachen und zeigen auf die Wiese vor ihnen: „Hier müsste auch mal wieder gemäht werden“.

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Silvia Gonzalez, was ist das Ziel von GreenCity?

Im Zuge des Wachstums und der Stadtverdichtung in München ist unser Ziel, dass das Grün nicht zu kurz kommt. Wir entwickeln und führen Projekte durch, um gemeinsam mit den BürgerInnen dem fortschreitenden Klimawandel entgegenzuwirken. Für ein zukunftsfähiges München.

„Jeder kann ohne Konsumzwang hierherkommen“

Auch wenn jeder sein eigenes Beet hat, entstehen durch das gemeinschaftliche Gärtnern Gespräche und Treffen von Menschen, die sich sonst nicht treffen würden, sagt Irene Nitsch. Die Nachbarn lernen sich kennen und können Ideen in den roten Briefkasten am Eingang werfen. Einige wünschten sich einen Tanzboden. Eine Architekturstudentin setzt das gerade um. Sie plant mit Interessierten flexible Holzwürfel, die vieles sein können – ein Tanzboden, Hocker oder eine Bühne. Zum Beispiel für das „Frühstück mit Musik“. Alle zwei Wochen bringt jeder sein eigenes Frühstück mit. Der Dorfplatz des 21. Jahrhunderts? Auf jeden Fall „ein Zentrum für die Menschen aus den umliegenden Häusern“, denn „jeder kann hierherkommen und mitmachen, ohne Konsumzwang“, sagt Irene Nitsch. Ein Garten zum gemeinsamen Gestalten.

 

 

 

Ein Friedhof für die Lebenden

Der Diensteingang des Waldfriedhofs in Großhadern. Vor einem flachen Bürobungalow wartet ein halbes Dutzend Kleintransporter auf den Einsatz. Auf einer Ladefläche stehen sechs Rasenmäher, auf einer anderen ruht ein Schaufelarm. Nacheinander steigen Männer in grünen und blauen Latzhosen ein. Einer ist Peter Lüngen. Er arbeitet seit drei Jahren im Grünteam der städtischen Anlage. Vor mehr als 100 Jahren in den Wald hineingebaut und in den 60er Jahren um einen neuen Teil erweitert, gilt Münchens größter Friedhof als einer der schönsten in Deutschland. Mit 17 weiteren Arbeitern kürzt Lüngen täglich den Rasen des gut 160 Hektar großen Geländes, leert Müllkörbe und schaufelt Gartenabfälle auf Pritschenwagen. Damit der Waldboden für die Besucher nicht zur Stolperfalle wird, füllen sie Senken mit Kies und Erde auf. Die Pflege des Friedhofs ist stark arbeitsteilig: Um die Gräber und Bäume kümmern sich andere.

Traurig und erholsam

Eigentlich hat Lüngen Koch gelernt. Bevor er ins Grünteam kam, war er zehn Jahre lang als Taxifahrer selbstständig. Inzwischen ist er Vorarbeiter. „Wahnsinn“ sei es gewesen, als er zum ersten Mal den Dienst auf dem Waldfriedhof antrat. „Der Wald ist nicht um den Friedhof gewachsen, sondern der Friedhof wurde in den Wald implantiert. Du findest hier nicht eine Sektion, die gleich ist.“ Am liebsten mag er den alten Teil mit seinen schmalen Pfaden und dem dichten, bunt gemischten Baumbestand. Lüngen und sein Team pflegen Wege und Wiesen und halten den Park sicher und sauber. Sie setzen auch Zeichen für Trauernde: Bei den Gräbern der Kinder und Föten legen sie Findlinge nieder, die die Hinterbliebenen bemalen oder beschriften können.

Dennoch findet der Friedhofsarbeiter: „Der Friedhof ist nicht nur ein trauriger Ort.“ Viele kommen hierher, um auszuspannen, zu joggen oder spazieren zu gehen. Die Ruhe genießen auch Füchse, Gänse und Eichhörnchen, sogar ein Hermelin lebt hier. Für Lüngen und sein Team aber gilt in einem verregneten Sommermonat wie diesem vor allem eins: mähen, mähen, mähen.

Unsere Stationen im Überblick

Waldfriedhof Großhadern

Giesinger Grünspitz

Kleingartenanlage

Helma und David

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Mehr urbanes Gärtnern in München

Du möchtest die Brache vor deiner Haustür bepflanzen? Dann ist eine Grünpatenschaft genau das Richtige für dich. Oder möchtest du als Stadtgärtner durchstarten, dann schau doch mal auf die Seite der Stadt München. Und die komplette Auflistung der Möglichkeiten für dich in München zu gärtnern, findest du bei Urbane Gärten München. Viel Spaß!

Gemeinschaftsgärten

Kleingartenanlagen

Krautgärten

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