Eine Schlange im Wohnzimmer

Exoten suchen ein Zuhause

Von Katharina Juschkat

Brillenkobras, Weißbüscheläffchen, Leguane – Exotische Tiere zu halten, liegt seit Jahren im Trend. Was vielen Haltern nicht klar ist: Die Tiere sind anspruchsvoll, werden sehr groß und leben für etliche Jahre. Schnell wird das Hobby zur Last und die Tierhalter wollen ihre Tiere loswerden – aber wohin mit einer Riesenschlange? In München gibt es eine Antwort.

Die kleine Bartagame versucht sich in der Plastikbox umzudrehen. Die Schachtel ist zu klein, der schuppenlose Bauch scheuert über den Plastikboden. Auf der Tür, vor der die Box steht, klebt ein Zettel mit der Aufschrift „Reptilienauffangstation”. Warum die Echse ausgesetzt wurde, bleibt ihr Geheimnis. Es reiht sich ein in die Geschichten überforderter Halter und Züchter. Die Bartagame ist eine Silkback-Zucht. Dabei werden den Echsen die Schuppen weggezüchtet. Die Tiere gelten als schick. Sie gelten auch als Qualzucht.

Der Neuankömmling bekommt ein ausgiebiges Bad, da er sich nicht selbstständig häuten kann. Die Folgen der Zucht. In den vorsichtigen Händen des Pflegers zappelt das Tier und reißt sein kleines Maul auf. Silkbacks neigen zudem zu Sonnenbrand – für ein wechselwarmes Tier eine traurige Ironie. Die Echse ist eines von vielen exotischen Tieren, die Jahr für Jahr in der Reptilienauffangstation in München landen. In den Nebenstraßen der Universitätsgebäude von München, versteckt in den Gebäuden der Veterinärmedizin, sind die Spezialisten für Reptilien und Exoten aller Art untergebracht. Seit 15 Jahren kümmern sich Tierärzte, Biologen, Tierpfleger und Auszubildende um exotische Tiere, die ausgesetzt, abgegeben oder beschlagnahmt wurden.

Der Tierpfleger badet die Bartagame, um ihr bei der Häutung zu helfen.

Wenn Tierliebe bei Schlangen endet

Im Büro des Biologen Patrick Boncourt ist nur ein kleiner Fleck auf der Couch frei. Zwischen den Schreibtischen steht ein Terrarium, neben der Couch ebenso. Immer wieder plätschert es, eine Schmuckschildkröte schwimmt lautstark durch ihr Revier. Zurzeit ist viel los, erzählt Patrick, vergangenes Wochenende war wieder eine Messe, auf der die Experten über artgerechte Reptilienhaltung aufgeklärt haben. Am Stand nebenan war ein Reptilienzoo, dort konnten sich Besucher mit einer Königspython für drei Euro fotografieren lassen. Die ganze Messe über wurde die Schlange herumgereicht – einfach verdientes Geld mit Tieren.

Die Reptilienauffangstation setzt auf Spendengelder, die sich wesentlich schwerer verdienen lassen, berichtet Patrick. Die Leute spenden nicht gerne für Schlangen – sie haben keine Hundeaugen, schnurren nicht, lassen sich nicht streicheln. Für viele Leute endet damit die Tierliebe. Dabei ist die Station dringend auf Spenden angewiesen. Jährlich kommen etwa tausend Tiere in die Station, in ein neues Zuhause vermittelt werden aber nur um die 700 Tiere. Das liegt auch an den schwer vermittelbaren Tieren, die entweder giftig oder krank sind.

Die Arbeit in der Auffangstation kann frustrierend sein. Und dennoch ist die Stimmung selten gedrückt. Zur Mittagspause treffen sich alle auf dem Gang, essen ihr Pausenbrot neben der Kreuzbrustschildkröte Günther, die immer wieder an die Oberfläche taucht und Luft holt. Nebenan tauen die tiefgekühlen Mäuse für die Giftschlangen auf, Futterboxen mit Insekten stapeln sich auf Günthers Terrarium. Die Pumpen der Aquarien dröhnen, Heimchen zirpen in ihren Boxen. Es riecht nach Gewächshaus. Dazwischen wird gelacht.

Momentaner Tierbestand

Aufgenommene Tiere pro Jahr

Vermittelte Tiere pro Jahr

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Ich finde eigentlich jedes Tier faszinierend. Wenn mich ein Tier einmal nicht fasziniert, muss ich mich nur länger damit beschäftigen.

Simon Kuhn, Auszubildender Tierpfleger

Fast alle, die hier arbeiten, halten sich auch in ihren Wohnungen Reptilien oder andere Tiere. So auch Simon Kuhn, Auszubildender Tierpfleger in der Auffangstation. Reptilien haben auf ihn schon immer eine besondere Faszination ausgeübt. Als Kind rettete er Erdkröten aus Lüftungsschächten und pflegte eine verletzte Kreuzotter gesund. Heute hält er sich zwei Leopardgeckos, eine Kornnatter, eine Langnasen Strauchnatter und eine schwarze Baumschlange. Gerne würde er sich noch mehr Tiere holen, doch dazu muss erst einmal eine größere Wohnung her. Vor allem der Platzbedarf der Tiere macht es schwierig, sie in der Wohnung zu halten.

Giftschlangen haben es Simon besonders angetan. In der Station wohnen die Tiere in einem Raum hinter zwei verschlossenen Türen, der alleine nicht betreten werden darf. Der Raum mit den „Giftis”, wie Simon sie nennt, ist fast unangenehm eng. Terrarium reiht sich an Terrarium und in jedem züngelt ein neugieriger Bewohner. Für die Fütterung müssen manche Tiere getrennt werden, da sie sich sonst im Kampf um die Mäuse ernsthaft verletzten könnten. Simons Kollege öffnet das Terrarium einer Speikobra, die ihr Gift erstaunlich zielsicher auf ihr Opfer spritzen kann. Mit Schutzbrille ausgestattet greift er mit einem Schlangenhaken in das Terrarium und hebt vorsichtig das Tier in eine Box. In der Futterzange hält er die tote Maus und lockt die Schlangen aus ihren Verstecken. Ein Kopf schnellt vor, Giftzähne graben sich in den kleinen Körper. Dann verschwindet die Schlange wieder.

Chamäleons in den Socken

Nach der Fütterung der Giftschlangen versorgt Simon die Chamäleons in Patricks Büro. Die kleinen Tierchen zählen zu den Lieblingen der Station. Sie wandern bedacht mit ihren Greifarmen über das Urwaldgeäst. Ein Chamäleon verwechselt seinen langen Schwanz mit einem Ast und hebt sich daran fest. An den feinen, hellgrünen Schuppen hängen Wassertropfen. Die kugelrunden Augen huschen umher. Erspäht das Tier ein Heimchen, öffnet es sein Mäulchen und schiebt die Zunge etwas hervor. Dann schießt die Zunge nach vorne und trifft zielsicher das Insekt. Das kleine Männchen, das jetzt zehn Zentimeter lang ist, wird noch eine Größe von über 60 Zentimetern Länge erreichen.

Die jungen Tierchen sind noch nicht lange in der Station. Sie stammen von einem Schmuggler, der die Tiere in Socken gestopft nach Deutschland brachte. Der Zoll entdeckte die illegal gefangenen und importierten Chamäleons. Bis die zehn Tiere in die fachmännischen Hände der Auffangstation kamen, waren vier nicht mehr zu retten.

Spendenkonto

Auffangstation für Reptilien München
Kontonummer: 988154
Bankleitzahl: 701 900 00
Münchner Bank
IBAN: DE83701900000000988154
BIC: GENODEF 1M01

Zwischen Terrarien und Kaffeemaschinen

Solche Geschichten machen wütend. Die Mitarbeiter der Station scheinen sich davon aber nicht unterkriegen zu lassen. Im Büro des Leiters Markus Baur plätschern die Pumpen der Schildkröten-Terrarien. Ein verlorenes Heimchen zirpt. Zahlreiche Terrarien stapeln sich auf Regalen. Auf ihnen liegen Tierpräparate. Ein Hula-Mädchen als Wackelfigur tanzt unter den UV-Lampen. Eine Kaffeemaschine fällt fast in den Abfluss, daneben liegt ein Schlauch zum Gießen. Hinter einem Schlangenterrarium verbirgt sich eine alte Abzugshaube, die verrät, dass hier einmal ein Stück Universität war, vielleicht ein Chemieraum. Zweckentfremdet, wie so vieles hier.

In dem dennoch gemütlichen Büro kommen immer wieder alle zusammen, um Kaffeepause zu machen, um zu rauchen, um zu plaudern. Vor einer Woche wurde ein Tierpfleger von einer Giftspinne gebissen und ist noch nicht wieder zurück. Der Vorfall ist immer noch frisch im Gedächtnis, aber hauptsächlich werden Witze darüber gemacht. Wie über alles. Man spürt die Lebensfreude der Mitarbeiter – Leute, die tagtäglich mit Tierschutzverstößen und Qualzuchten zu tun haben, mit verantwortungslosen Haltern und Schmugglern. Es ist vielleicht der einzige Weg, in einer solchen Welt klarzukommen – mit viel Humor.

Die Geschichte hinter den Tieren der Auffangstation:

Grüner Leguan

Grüne Leguane gehören mit einer Endlänge von rund zwei Metern und einem entsprechend großen Platzbedarf zu den Exoten, die für den durchschnittlichen Tierhalter eher schwierig zu halten sind. Erreichen die zunächst süßen Jungtiere mit zunehmendem Alter ihre finale Körpergröße, sind viele Laien mit den Tieren überfordert und geben sie schließlich in der Reptilienauffangstation ab.

Königspython

Dieser Königspython ist eine von insgesamt zwei Dutzend Schlangen, die allesamt in einem leerstehenden Haus in Augsburg gefunden wurden. Anscheinend hatte sich ein Unbefugter Zutritt zu dem leeren Gebäude verschafft und dort eine Pythonzucht begonnen, um die Tiere gewinnbringend zu verkaufen. Als der Hausbesitzer bei einer Begehung jedoch die Terrarienanlage mit den Tieren darin vorfand, rief er sofort die Polizei und ließ den gesamten Bestand beschlagnahmen.

Pantherchamäleon

Dieses Pantherchamäleon gehörte einem Halter, der zu drei Jahren Haft verurteilt worden war. Die Mutter des Mannes hatte selbst keine Ahnung von der Chamäleonhaltung und übergab das Tier an die Auffangstation. Da sie hierzu jedoch nicht befugt war und der Häftling aus dem Gefängnis heraus die Übereignung des Tieres ablehnte, blieb der Status lange Zeit ungeklärt. In solchen Fällen dürfen die Tiere nicht weitervermittelt werden und verursachen hohe, meist ungedeckte Kosten, die der Verein letztlich selbst tragen muss.

Brillenkaiman

Brillenkaiman „Paul” war vor einigen Jahren in einem leeren Farbeimer ausgesetzt an der Türklinke eines Tierheims aufgefunden worden.

Bartagame

Diese Bartagame wurde vor einigen Wochen im Münchner Tierheim ausgesetzt. Das Tier war in einem schlechten Gesundheitszustand, sein Schwanz fehlte fast komplett. Die Reptilientierärzte der Auffangstation haben die Echse sofort unter Quarantäne gestellt und eine Behandlung eingeleitet.

Weißbüscheläffchen

Weißbüschelaffen werden bei Privathaltern zunehmend beliebter, obwohl die Haltung der Primaten alles andere als einfach ist. Während die Tiere als Junge noch relativ leicht zu handhaben sind, können sie bereits nach einem Jahr sehr unangenehm werden. Ein ausgewachsener Affe kann innerhalb kürzester Zeit das Wohnungsmöbiliar zerstören, sein Revier durch penetranten Uringeruch markieren und seinen Haltern sogar Biss- und Kratzwunden zufügen. Werden die Tiere dann aus reiner Hilflosigkeit heraus in einen Vogelkäfig gesperrt, führt dies meist zur Beschlagnahme.

Spaltenskorpion

Da viele Skorpionsarten selbst für Amtsveterinäre schwer zu bestimmen sind, ist nicht immer klar, ob es sich im Einzelfall um eine legale, harmlose Art handelt, oder vielleicht doch um eine giftige Art, die dem Menschen potentiell gefährlich werden könnte. Daher erhält die Reptilienauffangstation von den Behörden immer wieder mal Anfragen zur Bestimmung einer Art. In diesem Fall handelt es sich um einen weitgehend harmlosen Heterometrus-Skorpion, der neben vielen anderen Tieren vom vollkommen überforderten Inhaber in seinem Zooladen zurückgelassen worden war.

Brillenkobra

Da die Regelung zur Haltung von Giftschlangen in jedem Bundesland anders aussieht, ist es für Interessenten problemlos möglich, die Tiere legal zu erwerben, obwohl sie beispielsweise in Bayern nicht gehalten werden dürfen. So kommt es immer wieder vor, dass Haltungen in Bayern aufgedeckt und von den Behörden beschlagnahmt werden müssen. Da sie also nur sehr schwer weitervermittelt werden können, werden einige der in der Reptilienauffangstation eingestellten Tiere zu Schulungszwecken verwendet. Bundeswehrsoldaten, denen ein Auslandseinsatz bevorsteht, erlernen hier den fachgerechten Umgang mit den Tieren.

Vogelspinne

Vogelspinnen gehören mit zu den am meisten missverstandenen Tieren überhaupt. Dies betrifft nicht nur ihre vermeintliche Gefährlichkeit – bisher ist kein Todesfall eines Menschen durch den Biss einer Vogelspinne bekannt – , sondern auch ihre Haltungsansprüche. Und da es sich um ein wirbelloses Tier handelt, wird die Pflege von unkundigen Haltern meist auch nicht so ernst genommen, so dass es auch bei diesen Tieren immer wieder zu Beschlagnahmen kommt.

Schmuckschildkröte

Schmuckschildkröten waren vor rund zwanzig Jahren ein absoluter Verkaufsschlager auf dem Heimtiermarkt. Heute werden die einst putzigen Tierchen vielen Haltern zu groß und werden deshalb zu Tausenden in praktisch alle deutschen Gewässer ausgesetzt. Hier in der vermeintlichen Freiheit kann es immer wieder vorkommen, dass ein Tier einem Angler an den Haken geht und diesen verschluckt. In der Reptilienauffangstation müssen die Tierärzte deshalb regelmäßig Angelhaken aus Schildkröten herausoperieren, was je nach Grad der inneren Verletzungen leider nicht immer erfolgreich verläuft.

Axolotl

Axolotl  haben aufgrund ihres natürlichen Vorkommens auf dem Grund mexikanischer Seen gänzlich andere Ansprüche, als diese von vielen unbedarften Haltern letztlich umgesetzt werden. Statt einem kühlen, dunklen, gut strukturierten Aquarium werden die Tiere häufig zu warm und zu hell gehalten. Auch führt die Gruppenhaltung auf engem Raum immer wieder dazu, dass Tiere sich gegenseitig verletzen. Werden die Behörden auf derartige Haltungen aufmerksam, werden die Tiere beschlagnahmt und an die Auffangstation übergeben.

Griechische Landschildkröte

Griechische Landschildkröten wurden in den 1960er Jahren massenhaft von deutschen Campingurlaubern aus ihrer natürlichen Umgebung in Südeuropa entfernt und als Heimtier mit nach Hause genommen. Diejenigen, die die Haltung bis heute überlebt haben, kommen dann meist aus einem ungeregelten Nachlass in die Auffangstation, wenn der Halter verstirbt. Aufgrund der regelrechten Schildkrötenschwemme in den letzten Jahren musste der gemeinnützige Verein schließlich reagieren und wandelte zwei Gewächshäuser in ein Schildkrötenrefugium um, wo die Tiere heute bis zu ihrer Vermittlung artgerecht leben können.

Bildquellen

Titelbild: gemeinfrei

Bilder: Reptilienauffangstation München, Katharina Juschkat

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