Ohne Netz und doppelten Boden

Mu(h)tig: Seit 2011 produzieren Nicole Kling und Josef Winkler das Heimat-Magazin MUH. Überformat, hundert Seiten, alle drei Monate – zu zweit. Online-Journalismus? Kann den Chiemgauern den Buckel runterrutschen. Wie sie es mit einer Print-Zeitschrift geschafft haben und warum sie trotzdem Existenz-Ängste plagen.

 

Ein Dienstagnachmittag im Chiemgau. Die tiefstehende Frühingssonne brennt vom Himmel. Josef Winkler (42) hat sich eine Tasse Filterkaffee eingeschenkt. Mit einem Schluck Milch. Lässig, die Beine übereinander geschlagen, sitzt er auf einem abgeranzten Klappstuhl vor einem ehemaligen Surfshop in Seebruck. Nach jedem Windstoß fährt er sich durch die grau melierten Haare, die einmal ganz schwarz waren. Seine Anzugschuhe – das einzig Spießige an ihm – berühren den unebenen Betonboden. Neben ihm, auf einem selbst gezimmerten Hocker, hat es sich Kollegin Nicole Kling unbequem gemacht. Mehr Stühle gibt es eben nicht in ihrem Lager an der Rosenheimer Straße, in dem sich neben diversen Brettern tausende Ausgaben der MUH stapeln. MUH, die Heimatmagazin und modern zugleich ist. Die bayerische Aspekte beleuchtet, aber nicht romantisiert. Und die auch unangenehme Themen aufgreift.

Bei einer Umfrage nannten 292 von 303 Befragten das Internet als meist genutztes Medium. Mehfachnennung war möglich.

Trotzdem verkauft sich das Magazin MUH.

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Wer macht MUH?

 

Josef Winkler und Nicole Kling sind die MUH. Der Name steht ursprünglich für Musik und Heimat. Kling, 36, unkomplizierte Art, Marketing-Frau, ist das Mädchen für alles. „Ich bin Geschäftsführerin, Herausgeberin, Anzeigen-Abteilung, Abo-Service“, sagt sie mit klarer Stimme. Bevor die Seebruckerin noch mehr aufzählen kann, geht ihr die Luft aus. Dann lacht sie. Dreißig bis 80 Stunden in der Woche ist die zierliche Frau im „MUH-Modus“. Dann arbeitet Nicole Kling entweder in dem kleinen Büro in ihrer Seebrucker Wohnung. Oder zwei Straßen weiter, vom Lager aus. Redaktion gibt es keine.

Der Mann für die Inhalte ist Josef Winkler, 42, ehemals Schreiberling für die taz. Er hat Buchprojekte betreut und für den bayerischen Rundfunk gearbeitet. Winkler ist die Redaktion. Wann immer es das Privatleben zulässt, klappt er seinen Laptop auf. Alle Texte der etwa 20 freien Reporter laufen über seinen Tisch. Genau wie die Bilder der zwei sporadisch aktiven Fotografen.

Online Print Journalismus

Eine Umfrage zeigt, dass vor allem die jungen Leser online unterwegs sind. Trotzdem ist die MUH als Print-Magazin erfolgreich.

Aus einer Schnapsidee wird ein Magazin

Kling und Winkler kennen sich von ihrem früheren Arbeitgeber, dem Musikexpress. Als das Unternehmen nach Berlin zog, stiegen die beiden aus – besser gesagt um. Raus aus dem Musikexpress, rauf auf die Kuh. Die Idee zu der Zeitschrift stammt von LaBrassBanda-Frontmann Stefan Dettl, der aus dem nahen Truchtlaching (Insider nennen es nur Truchtling) kommt. Es war eine Schnapsidee, die in einem Londoner Pub aufkam. „Er hat g’sagt, wenn’s so ned klappt, dann mach ma’s einfach selber“, erinnert sich Winkler. „Das war ein Punk-Gedanke.“

 

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Josef Winkler, Chef-Redakteur der MUH

Dann wachst du in der Nacht auf und hast Existenzängste

Den verfolgt zu haben, haben die Macher vor allem in der Anfangszeit oft bereut. Innerhalb eines Jahres eignete sich Kling, die Amerikanische Kulturgeschichte mit Nebenfach Markt- und Werbepsychologie und Medienrecht an der LMU studiert hat, alle relevanten betriebswirtschaftlichen Inhalte an. „Kurz nach der Veröffentlichung hatten wir Kreuzchen auf den Augen, wie im Comic“, sagt Winkler. Die letzten Wochen vor der Herausgabe seien die Schlimmsten. „Dann wachst du in der Nacht auf und hast Existenzängste“, sagt er. Drucken lässt die MUH in Augsburg. Den Vertrieb, also die Auslieferung an die Kioske und Einzelhandelsgeschäfte übernimmt eine Firma.

Auflage

Abonnements

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Der Leser sind Bayern

Kostet eine MUH

MUH-Fans sollen blättern, nicht wischen

Und es läuft. Am Ende des Jahres fahren die MUHs ein Plus ein. Trotzdem: „Wir sind arm wie eine halbe Kirchenmaus“, sagt Winkler. Im Netz gibt es die Zeitschrift nicht zu lesen. Die Macher haben sich aber nicht gegen Online, sondern für Print entschieden. „Als die Idee eines Magazins aufkam, war klar, dass wir von einem gedruckten Heft sprechen“, sagt Winkler. Sicher, einen Internetauftritt gibt es. Aber seit der Gründung habe er sich keine fünf Minuten darüber Gedanken gemacht, die Inhalte online zu veröffentlichen. Irgendwann sagt er: „Ich will mit der MUH nicht dafür sorgen, dass noch mehr auf Tablets herumgewischt wird.“ Außerdem habe man für so etwas gar keine Zeit. Käme allerdings jemand um die Ecke, der Josef Winkler steigende Abo-Zahlen garantiert… „Dann würde ich mich vielleicht bekehren lassen.“ Nicole Kling, ein bekennender Print-Fan, glaubt nicht an diesen Effekt. Bezeichnend: Sie bewahrt heute noch die Gazzetta dello Sport von vor zehn Jahren in ihrem Keller auf. „Das ist doch schön“, sagt sie.

Man lässt sich nicht von den großen Zeitungen, die den Trends im Internet hinterherhechten, aus der Ruhe bringen. Bei der Zielgruppe legen sich die MUH-Macher nicht fest. „Unsere Leser sind zwischen 20 und 90“, sagt Kling. Auch das ist Teil des Punk-Gedankens.

 

Online Print Magazin
Birgit Lex

Birgit Lex

Landwirtin und MUH-Leserin

Eine Leserin ist Birgit Lex. Die 37-Jährige lebt in Wald am Chiemsee. „Es ist einfach was anderes“, sagt sie. Alle drei Monate besorgt sie sich die MUH im nahe gelegenen Supermarkt in Truchtling. Sie ist eine fortschrittliche Frau, behandelt ihre 30 Kühe auf dem Hof mit Homöopathie. Romantischen Heimatmagazinen kann sie nichts abgewinnen.

 

Anneliese Hörterer

Anneliese Hörterer

Zeitschriften-Händlerin aus Traunstein

Kaufen kann man die MUH auch bei Anneliese Hörterer, 60. Seit 22 Jahren betreibt sie einen Zeitungs- und Zeitschriftenladen im Zentrum von Traunstein. „Die MUH geht gut“, sagt sie. Die Käufer seien zwischen 30 und 45 Jahren. Anneliese Hörterer sagt: „Print ist nicht tot.“ Bei den Magazinen habe sie keine Verschlechterung der Verkäufe festgestellt.

Während Anneliese Hörterer ihren nächsten Kunden bedient, ist Josef Winkler von der MUH schon wieder auf dem Sprung. Für einen schnellen Kaffee hat die Zeit gerade so gereicht. Dann setzt er sich in seinen mausgrauen Pkw. Die Arbeit wartet nicht.

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