Olympische Sommerspiele in München

Was bleibt vom September 1972?

 

Christian Saleh ist zum ersten Mal im Olympiapark. Ein Neuroradiologie-Symposium hat den Zürcher Arzt übers Wochenende in die Stadt verschlagen. Er sucht die Connollystraße 31, will München auch dort kennenlernen, wo vor bald einem halben Jahrhundert unter den Augen der Weltöffentlichkeit das Unfassbare geschah:

Olympische Sommerspiele 1972 in München. Heitere Spiele sollten es werden. Es kommt jedoch anders. Das Olympische Dorf, seinerzeit Wohnstätte der Wettkämpfer aus aller Welt, wird Schauplatz einer Geiselnahme, an deren Ende elf Sportler und ein Polizist aus dem Leben gerissen werden: Das Attentat auf die israelische Mannschaft. Die Tat markiert eine Zäsur. Einen Einschnitt in die fröhlichen und friedlichen Spiele von München. Und einen Einschnitt in eine Welt, die den Schock des Terrors erstmals kennenlernen musste.

45 Jahre später wird Kultusminister Ludwig Spaenle nun im September am Kolehmainenweg einen Informations- und Erinnerungsort einweihen. Die Stätte soll würdig an die Opfer erinnern. Und sie soll endlich einer Geschichte um die Frage nach dem richtigen Gedenkort einen Schlusspunkt setzen. Denn das Thema erinnerte bisher eher an eine Farce. Wer wie Christian gedenken will, muss feststellen, dass er mit diesem Wunsch im Olympiapark so gut wie allein gelassen wird.

Gedenken braucht Erinnerung

Das Haus, in dem im September 1972 die blutige Tragödie ihren Ausgang nahm? In der Bäckerei unbekannt. Nachfrage bei Studenten: Fehlanzeige. Der Tatort, den Christian sucht, ist heute ein Gästehaus. Lediglich eine Gedenktafel, wenige Monate nach dem Verbrechen angebracht, erinnert an die Namen der Ermordeten. Am Fuß der Zeltdachkonstruktion des Olympiastadions soll seit 1995 ein Granitbalken des Bildhauers Fritz Koenig der Opfer gedenken, initiiert vom ehemaligen Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees Willi Daume. Beide Stätten haben jedoch ein Problem: Während der stille Gedenkort an der Connollystraße nicht leicht zu finden ist, erschließt sich die Bedeutung des zehn Meter breiten Quaders Fritz Koenigs dem Betrachter nur schwer.

Gedenken braucht Erinnerung

Das Haus, in dem im September 1972 die blutige Tragödie ihren Ausgang nahm? In der Bäckerei unbekannt. Nachfrage bei Studenten: Fehlanzeige. Der Tatort, den Christian sucht, ist heute ein Gästehaus. Lediglich eine Gedenktafel, wenige Monate nach dem Verbrechen angebracht, erinnert an die Namen der Ermordeten. Am Fuß der Zeltdachkonstruktion des Olympiastadions soll zudem seit 1995 ein Granitbalken des Bildhauers Fritz Koenig, initiiert vom ehemaligen Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees Willi Daume, der Opfer gedenken. Beide haben so ihre Schwierigkeit: Während der stille Gedenkort an der Connollystraße nicht leicht zu finden ist, erschließt sich der zehn Meter breite Quader Koenigs dem Betrachter nur schwer.

Vielleicht ging es Horst Seehofer da ja ähnlich. Vierzig Jahre nach der Tat versprach der Ministerpräsident bei einem Israelbesuch jenen würdigen Erinnerungs- und Informationsort zu errichten, den das Kultusministerium zusammen mit der Stadt München nun umgesetzt hat. Auch für Kultusminister Ludwig Spaenle war der Weg dorthin steinig. Während er eine klare Vorstellung mitbrachte, wo der Erinnerungsort entstehen sollte und wie er auszusehen habe, sahen sich die Olympiadorfbewohner übergangen. Der Minister wollte einen Hügel am Kolehmainenweg durchschneiden, sie wollten mitreden. Schließlich herrscht in ihren Dorfidyll Demokratie. Und das bedeutet auch, dass sich die Bewohner selbst oft uneins sind. Die einen wollten sich ihre Grünflächen nicht nehmen lassen. Manche bestritten sogar grundsätzlich, dass es eines solchen Ortes bedürfe, schließlich gebe es ja schon zwei steinerne Zeugnisse des Gedenkens.

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Im Interview: Christoph Rothe, von 1999 bis 2012 direkter Nachbar des Gebäudes an der Connollystraße, in dem palästinensische Terroristen im September 1972 elf israelische Olympiateilnehmer als Geiseln nahmen.

Christoph Rothe, Mitbegründer der Initiative „Nein zur Bebauung des Connollybergs“, hat selbst 13 Jahre im Nachbarhaus des Anschlagsortes gelebt. Er wünscht sich schon lange, dass ein Zeichen der Erinnerung an das antisemitische Attentat gesetzt wird. Zwar hat der 54-Jährige Verständnis für die Gegner einer weiteren Bebauung des Parks. Mit dem ursprünglich geplanten Standort war aber auch er nicht einverstanden. Deshalb engagierte sich Rothe für den Erhalt des Hügels. Und das mit Erfolg: Nach langem Hin und Her lenkte Kultusminister Spaenle ein und stimmte einem Standortvorschlag aus der Einwohnerschaft zu.

Der neue Erinnerungsort wurde letztlich wenige Meter versetzt realisiert. Er befindet sich auf der anderen Seite des Kolehmainenwegs – jenseits der Ausgleichsflächen, die die Dorfbewohner für Freizeit und Erholung beanspruchen. Das in den Hügel eingelassene Bauwerk will ein würdiger, jederzeit frei zugänglicher Gedenkort sein. Mediale Darstellungen legten bislang meist den Fokus auf die Tat. Das Konzept hier ist anders: Die Opfer und ihre Biographien stehen im Mittelpunkt. Ihnen wird in der Ausstellung ein Gesicht gegeben. Zudem bettet der Einnerungs- und Informationsort das Attentat in den zeitgeschichtlichen Kontext ein. Ebenso verweist er auf die anderen beiden Gedenkorte im Olympiapark. Denn der Erinnerungsort Olympia-Attentat München will nicht als reines Mahn- oder Denkmal verstanden werden. Er soll, wie der Name schon sagt, die Erinnerung wachhalten.

Und was das Wichtigste ist: Wenn Christian nächsten Sommer wieder nach München kommt, wird er den Gedenkort auch endlich finden.

Fact File: Die Geiselnahme von München

David Mark Berger, Zeev Friedman, Yossef Gutfreund, Eliezer Halfin, Josef Romano, André Spitzer, Amitzur Schapira, Kehat Shorr, Mark Slavin, Yakov Springer und Mosche Weinberg werden am 5. September 1972 in ihrem Wohnquartier als Geiseln genommen. Zwei israelische Sportler können flüchten, der Ringer Mosche Weinberg und der Gewichtheber Jossef Romano werden im Olympischen Dorf ermordet.

Bewaffnete palästinensische Terroristen fordern die Freilassung von über 200 in Israel inhaftierten Palästinensern und der beiden RAF-Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof. Stundenlang wird mit den Terroristen verhandelt. Deutsche Medien berichten live aus dem Olympischen Dorf, die Geiselnehmer verfolgen die Aktionen der Sicherheitskräfte im Fernsehen.

Ein Befreiungsversuch auf dem Militärflugplatz Fürstenfeldbruck scheitert. Alle verbleibenden neun Geiseln, ein Polizist und fünf der acht Terroristen kommen ums Leben. Keine zwei Monate später entführt ein Terrorkommando die Lufthansa Maschine Kiel und erpresst die Freilassung der drei Terroristen, die das Olympia-Massaker in München überlebt hatten und in bayerischen Haftanstalten saßen.

Titelfoto:Taxiarchos228, FAL

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