Mia san mia, aber anders

Das Leben nach dem Münchener Amoklauf im OEZ

Von Leon Strohmaier

 

Angst besiegt, Münchner geblieben

Rassa Rahim lebt wenige Gehminuten entfernt von dem Ort, an dem zehn Menschen durch einen Amoklauf ihr Leben verloren. Wie in so vielen Münchenern erwuchs auch in dem gebürtigen Iraker die Erkenntnis: „ich hätte dort stehen können.“ Doch seine Reaktion zeugt nicht von Verunsicherung. Sie zeugt von Mut und Lebensfreude und steht sinnbildlich für eine ganze Metropole.

Er könnte sich Iraker nennen. Oder Kölner. Oder Londoner. Doch Rassa Rahim hat sich am Ende all seiner Stationen für Bayerns Landeshauptstadt entschieden: Seit knapp zwei Jahren nennt er sich Münchner.  Mehr noch: Der 24-Jährige ist fast schon zum Prototypen des Mia-san-Mia-Gefühls geworden, auch wenn er keinen Münchner Dialekt spricht. Er sagt: „Vielleicht klingt es naiv, aber das Leben hier ist perfekt.“

Der gebürtige Iraker kam mit vier Jahren mit seiner Familie nach Köln kam, ging dann nach London und landete schließlich an der Isar. München formte seinen neuen Einwohner in kurzer Zeit um. Doch München verpflichtet, wie er lernte: „Egal, ob du hier im Starbucks arbeitest oder sonst wo, auf Qualität wird hier überall geachtet. Man muss hier immer 200% geben, es geht um Professionalität.“

„Ich hätte dort stehen können, ich stand dort 1.000 Mal“

Die Liebeserklärung an seine Heimatstadt sprudelt aus Rassa in einem Münchener Café Anfang Dezember, keine zehn Kilometer von dem Ort entfernt, an dem zehn Menschen diesen Sommer ihr Leben verloren. Der Amoklauf im Olympia-Einkaufszentrum traf den sonst so unbeugsamen Optimisten und sein heiles Weltbild.

An so vielen Tagen bewegte er sich zur gleichen Zeit zwischen McDonald‘s, Saturn und dem OEZ; an genau dem Ort, an dem David S. den Kugelhagel eröffnete. Dass Rassa an diesem 22. Juli nicht dort war – pures Glück: „Ich hätte nur einmal früher Feierabend machen müssen. Ich hätte dort stehen können, ich stand dort 1.000 Mal.“

Das Leben hier ist schöner, als irgendwo anders. Das ist die schönste Stadt Deutschlands.

Rassa Rahim, 24
Visual Designer
in München seit 2015

Von Zusammenhalt und neuer Liebe

Doch an diesem Tag saß der gebürtige Iraker um 17.52 Uhr in der Bahn auf dem Weg nach Hause, fünf Gehminuten entfernt vom Unglücksort. Er hielt die eingehenden Nachrichten, die sich nun auf seinem Smartphone häuften, für einen schlechten Witz. Doch als die Realität ihn allmählich traf, er die Mutter in Köln und den Vater in Bremen beruhigt wusste, da war es wieder da, sein München-Gefühl: „Wir sind stark, wir schauen nicht weg. Wir halten zusammen.“ Er bot seine Wohnung via Facebook als sicheren Zufluchtsort an, Hashtag „offenetuer“.

Freunde von Freunden und Kollegen, die sich zum Zeitpunkt des Amoklaufs in der Nähe befanden, kamen und erlebten gemeinsam einen unvergesslichen Abend, aller Angst zum Trotz. Einer der Gäste ist sogar Rassas feste Freundin geworden. Ohne diesen Juliabend hätte er sie womöglich nie kennengelernt. Die Geschichte des Wahlmüncheners ist die Geschichte einer ganzen Stadt. Eine Geschichte vom Hinfallen und vom Wiederaufstehen. Eine Geschichte mit vielen kleinen Kapiteln und dem Eindruck, dass 1,5 Millionen Menschen am Ende ihre Stadt noch mehr lieben. „Ich liebe München genau so sehr, wie vorher. Ich liebe die Lichter hier, ich liebe es, wenn die Autos auf den vollgestopften Straßen hupen. Amokläufer und Terroristen nehmen mir das nicht weg.“ Rassa hat die Angst besiegt. Weil er Münchner geblieben ist.

Von Zusammenhalt und neuer Liebe

Doch an diesem Tag saß der gebürtige Iraker um 17.52 Uhr in der Bahn auf dem Weg nach Hause, fünf Gehminuten entfernt vom Unglücksort. Er hielt die eingehenden Nachrichten, die sich nun auf seinem Smartphone häuften, für einen schlechten Witz. Doch als die Realität ihn allmählich traf, er die Mutter in Köln und den Vater in Bremen beruhigt wusste, da war es wieder da, sein München-Gefühl: „Wir sind stark, wir schauen nicht weg. Wir halten zusammen.“ Er bot seine Wohnung via Facebook als sicheren Zufluchtsort an, Hashtag „offenetuer“.

Freunde von Freunden und Kollegen, die sich zum Zeitpunkt des Amoklaufs in der Nähe befanden, kamen und erlebten gemeinsam einen unvergesslichen Abend, aller Angst zum Trotz. Einer der Gäste ist sogar Rassas feste Freundin geworden. Ohne diesen Juliabend hätte er sie womöglich nie kennengelernt. Die Geschichte des Wahlmüncheners ist die Geschichte einer ganzen Stadt. Eine Geschichte vom Hinfallen und vom Wiederaufstehen. Eine Geschichte mit vielen kleinen Kapiteln und dem Eindruck, dass 1,5 Millionen Menschen am Ende ihre Stadt noch mehr lieben. „Ich liebe München genau so sehr, wie vorher. Ich liebe die Lichter hier, ich liebe es, wenn die Autos auf den vollgestopften Straßen hupen. Amokläufer und Terroristen nehmen mir das nicht weg.“ Rassa hat die Angst besiegt. Weil er Münchner geblieben ist.

Ich sage meinen Freunden: Kommt vorbei. München ist schön.

Hanna, 28
freie Journalistin

in München seit 2013

Als München mich hielt

Gastbeitrag von Hanna Maier

Die Beziehung zwischen München und mir war von Anfang an sehr schwierig. Ich hatte eine andere Beziehung verlassen – für München. Und ich hatte stets gezweifelt, ob es die richtige Entscheidung gewesen war. Bis zum 22. Juli.

In dieser Nacht, in der ich zum ersten Mal in meinem Leben wirklich Angst hatte, hat München mich in seine Arme genommen und gesagt, dass alles gut werden würde. In dieser Nacht, in der ich weinend in einer Bibliothek im Szeneviertel saß, hat meine neue Liebe mich gehalten und dem Grauen mit ihrer ganzen Großherzigkeit entgegengehalten: „Du kriegst mich nicht.“

Seitdem habe ich angefangen, eine Verantwortung für diese Stadt zu spüren. Ich hebe Fahrräder auf, die vom Fönwind umgeweht wurden. Ich genieße das scharfe S und das rollende R, wenn die S-Bahn an der Donnersberger Brücke einrollt. Ich stelle mich am Neuhofener Berg auf die Zehenspitzen, um in der Ferne die Alpen sehen zu können. Ich sage meinen Freunden aus der alten Beziehung: Kommt vorbei. München ist schön. München ist nicht das, wofür ihr es haltet. Sie glauben es mir nicht. Sie denken, München sei eine kleine Diva. Eine Art blonde Spielerfrau mit viel Geld. Aber wenn es darauf ankommt, trägt München das Herz am rechten Fleck. Nämlich auf der Zunge.

Seit mein Verstand zum Ende des Sommers wieder klar geworden ist, hat sich alles zu einem klaren Bild zusammengefügt. Die Sonne scheint auf die Isar, das Wasser am Flaucher bahnt sich seinen Weg um die Nackedei-Insel herum. Da liegen sie: Die Reichen neben den Armen, die Kinder neben den Alten, die Kaputten neben den Ganzen. Und sie alle haben ihren Platz gefunden, in dieser Stadt, die so leicht nichts kaputtkriegt.

Mittlerweile hat sich alles wieder dem Alltag angepasst. Trotzdem hat es die Augen geöffnet, wie schnell so etwas gehen kann und wie schnell sich Panik verbreitet.

Julia, 23
Studentin

in München seit 2014

Ich war am Samstag mit Freunden auf einem Weihnachtsmarkt. Es war so gemütlich wie immer. Ich glaube einfach, dass uns hier in München nichts so schnell aus der Ruhe bringt.

Sebastian, 24
Student
in München seit 2010

Kranke Menschen gibt es überall, dadurch lass ich mir meine Freiheit nicht nehmen. In München lebt’s sich weiterhin wunderbar! Wenn ich ein komisches Gefühl habe, dann wegen all der Dinge, die überall, weltweit, tagtäglich passieren.

Julia, 28
Projektmanagerin
in München seit 2000

Ich habe mich in München immer sicher gefühlt. Da ich direkt am OEZ wohne, ging ich aber danach nicht mehr so unbeschwert aus dem Haus. Mit der Zeit wurde das aber weniger. Angst und Sorgen verblassen, diese Stadt aber bleibt.

Nora, 27
Tierärztin
in München seit 2008

Ich bin mit einem tollen Gefühl hierher gezogen und dabei bleibt es: ich lebe gerne hier und fühle mich in dieser Stadt wohl. Ich lasse mich von sowas nicht beeinflussen.

Sascha, 26
Bürokaufmann
in München seit 2013

An dem Tag waren Freunde von mir im Olympia Einkaufszentrum. Aber schlechter geht es mir seit dem nicht, ich schätze die Zeit mit Freunden sogar noch mehr, als vorher.

Sarah, 22
Auszubildende

in München seit 2015

Am Anfang war ich schon geschockt, dass so ein Amoklauf direkt hier vor meiner Haustür stattfindet. Aber mir wurde bewusst, dass das immer und überall passieren kann. Da sollte man einfach keine Gedanken dran verschwenden.

Jonas, 26
Biochemiker
in München seit 2003

Seitdem bin ich wachsamer in der Stadt unterwegs. In dieser angespannten Situation zeigte sich aber die Professionalität der Polizei. Deshalb fühle ich mich weiter sicher in München. In einer freien Gesellschaft gibt es aber nie 100%ige Sicherheit.

Christine, 29
Eventmanagerin
in München seit 1987

Ich bin hier geboren und lasse mir den Spaß an München nicht nehmen. Niemand sollte sich von sowas einschränken lassen, aber das tut hier auch niemand.

Marvin, 26
Programmierer
in München sei 1990

Ich hatte schon gar nicht mehr ans OEZ gedacht. Es fühlt sich an, als sei es schon Jahre her. Ich weiß nicht, ob es die Art der Menschen hier ist. Ich jedenfalls bin froh, hier zu leben.

Johannes, 26
Physiotherapeut
in München seit 2000

Ich war während des Amoklaufs auf dem Karwendelhaus. Ich hatte da gerade einen Alpencross gestartet. Meine Wahrnehmung von München hat sich nicht verändert. Es ist immer noch eine der schönsten, sichersten Städte der Welt.

Florian, 31
Marketing Manager

in München seit 2006

München war für mich immer der sicherste Ort und ich habe mich 100% wohlgefühlt. Aber seit dem Amoklauf achte ich mehr auf Auffälligkeiten. Dennoch empfinde ich München als sicherer im Vergleich zu anderen Städten.

Stephanie, 29
KA Managerin

in München seit 1987

Pin It on Pinterest

Share This
Lust beim kommenden Grundkurs Online
dabei zu sein?

Lust beim kommenden Grundkurs Online

dabei zu sein?

Dann schau hier vorbei:

Infos und Anmeldung

You have Successfully Subscribed!