Messestadt Riem: Vom "Ghetto" zum Vorzeige-Viertel

Ambitioniert, praktisch und pragmatisch war die Messestadt Riem geplant. Heraus kam der Ruf eines Ghettos. Die Stadt hat einiges dafür getan, das Image aufzupolieren.

Von Xaver Bitz

Wenn Walter Buser vom Bau- und Planungsreferat der Stadt München über die Messestadt Riem spricht, gerät er regelrecht ins Schwärmen. Denn die ehrgeizigen Pläne, die für das Viertel bestanden haben, wurden zumindest in seinem Augen mehr als erfüllt. Zumindest ist das jetzt so. Denn zwischendrin hatte das Quartier im Münchner Osten ein Image-Problem.

Eine Art „sozialdemokratisches Musterviertel” sollte die Messestadt Riem werden, so bezeichnete der CSU-Stadtrat Georg Kronawitter 2013 rückblickend die ehrgeizigen Pläne. Gebaut für mehr als 15.000 Menschen, staatlich und städtisch gefördert. Ein sehr ambitioniertes Projekt, bei dem auf dem Gelände des alten Flughafens ein komplett neues Viertel geplant wurde. Ein Großteil ist inzwischen gebaut.  

Schon vor der Stilllegung des alten Flughafens am 17. Mai 1992 begannen die Planungen: 1987 gab es einen Grundsatzbeschluss für den Bau des Viertels, drei Jahre später einen städtebaulichen Wettbewerb. Die Idee: Es sollten unterschiedliche Bevölkerungsgruppen in den Osten der Stadt gelockt werden,  durch die sogenannte “Münchner Mischung”. Das heißt: sozial geförderter Wohnungsbau wird mit einkommensorientierter Förderung verbunden, zudem werden Wohnungen im freien Markt verkauft. Dabei war geplant, dass jede dieser drei Gruppen etwa ein Drittel der Gesamtsumme einnehmen sollte.

kostet die Miete pro m² in München

Vom Flughafen zum Wohnviertel: Wichtige historische Daten

1987
Mehrere vorbereitende Untersuchungen gehen der Gesamtplanung voraus
Grundsatzbeschluss zur Nachfolgenutzung des Flughafengeländes

1990
Für die Entwicklung des Gesamtkonzeptes wird ein städtebaulicher und landschaftsplanerischer Ideenwettbewerb durchgeführt

1992
Am 17. Mai startet die letzte Maschine vom Flughafen München Riem

1993
Durchführung eines Städtebaulichen Wettbewerbs für den 1. Bauabschnitt Wohnen

1995
Für den Riemer Park wird ein weiterer landschaftsplanerischer Wettbewerb ausgelobt

1996
Durchführung eines Städtebaulichen Wettbewerbs für den 2. und 3. Bauabschnitt Wohnen

1998
Eröffnung der Neuen Messe München
Die ersten Wohnungen im 1. Bauabschnitt werden bezogen

2004
Fertigstellung 1. Bauabschnitt

2005
Die Bundesgartenschau findet unter dem Titel „Perspektivenwechsel“ auf dem Gelände des Landschaftsparks in der Messestadt Riem statt

Doch nachdem der erste Bauabschnitt 2006 beendet war, sah die Realität ein wenig anders aus. Direktor Walter Buser erklärt: „Der Anteil im niedrigeren Miet- und Kaufbereich lag mit knapp 72 Prozent deutlich zu hoch.“ Wohlhabende Interessenten, die dem Projekt von Beginn an eher distanziert gegenüberstanden, wurden dadurch zusätzlich abgeschreckt. Die Stadt reagierte darauf – mit Erfolg.

kostet die Miete pro m² in der Messestadt Riem

Die Messestadt profitierte von drei Entwicklungen

München forcierte den Bau von sozialen Einrichtungen und Eigentumswohnungen und profitierte bei deren Verkauf von drei Entwicklungen. Zum einen sind Wohnungen jeder Art in München seit etwa zehn Jahren gefragt wie nie. Zweitens wächst der Zuzug kontinuierlich. Zwar hatte Bayerns Landeshauptstadt historisch gesehen noch nie einen entspannten Wohnungsmarkt. Auch vor 150 Jahren war der Zuzug an die Isarmetropole schon groß. Doch in jüngerer Vergangenheit steigt dieser sowohl durch Zuzügler innerhalb Deutschlands, als auch aus dem Ausland deutlich an.

Dazu kommt drittens, dass München im internationalen Vergleich nicht nur sehr beliebt ist, sondern für diejenigen, bei denen Geld weniger eine Rolle spielt, immer noch günstig. „In London zahlt man pro Quadratmeter schnell doppelt so viel, in Paris sind es mindestens 60 Prozent mehr”, sagt Walter Buser.

Dabei gibt es auf dem Münchner Mietmarkt  durchaus beunruhigende Entwicklungen: Die Quadratmeterpreise haben sich im stadtweiten Durchschnitt binnen fünf Jahren um mehr als 30 % erhöht – in besonders gefragten Vierteln in der Innenstadt teils noch dramatisch mehr. Und bei zum Verkauf stehenden Immobilien sieht es kaum anders aus. Immobilienportale wie Immowelt zeigen in den vergangenen drei Jahren einen Preisanstieg um fast 60 % an.

So sah die Messestadt Riem vor 15 Jahren aus – und so heute

(Bewegen Sie den Slider um jeweils das vollständige Satellitenbild aus dem Jahr 2001 (links) und 2016 (rechts) zu sehen)

Deutlich zu sehen ist der Unterschied zwischen den brachliegenden Bauflächen vor 15 Jahren und den inzwischen fertig gebauten Wohneinheiten und auch dem Landschaftspark rund um die Messestadt Riem herum.

Vom U-Bahnhof Messestadt Ost braucht man in etwa 20 Minuten in die Münchner Innenstadt.

Messestadt Riem: Schlechtes Image ohne guten Grund

Doch zurück in den Osten der Isarmetropole: Das vor allem in den späten Nullerjahren geprägte schlechte Image der Messestadt resultierte nicht zuletzt aus der recht hohen Quote an Einwohnern mit sozial schwachem oder eben auch Migrationshintergrund. Stadtrat Christian Müller von der SPD betont, dass er diesen Ruf für vollkommen übertrieben hält. Es gebe rund um die U-Bahn-Haltestellen „Messestadt West“ und „Ost“ nicht mehr Kriminalität als in anderen Stadtteilen Münchens. Er hält Riem für einen „baulich gelungenen Stadtteil“. Vor allem seit eine Studie des Sozialreferats aus dem Jahr 2013 im alarmistischen Ton von den Missständen in dem einst ambitionierten Projekt der Stadt berichtete, habe das Viertel eine „grundsätzlich positive Entwicklung genommen“.

Dies belegen auch die Zahlen: „Knapp 5.700 Wohnungen gibt es im Moment in der Messestadt. Davon sind in etwa 63 Prozent im Bereich des sozialen oder geförderten Wohnungsbaus anzusiedeln. Der Rest sind Eigentumswohnungen, die fast alle verkauft sind”, sagt Buser.

Wegen der guten sozialen Infrastruktur bei Kindertagesstätten, Kindergärten und Grundschulen sowie der guten Verkehrsanbindung in die Innenstadt wird die Messestadt inzwischen für wohlhabendere Menschen als Wohnort interessanter. Dazu kommen die immer besseren Einkaufsmöglichkeiten zusätzlich zu den Riem Arcaden. Das zum Landschaftspark umfunktionierte Gelände des ehemaligen Flughafens ist für jede Familie ein starkes Argument zum Zuzug. Auf der Gegenseite steht die teils monotone Optik im Viertel. Auch kleinere Bars oder Restaurants sucht man in Riem noch vergebens. Glaubt man Walter Buser, ist dies aber nur eine Frage der Zeit. Da München in jede Richtung wächst und gedeiht, verlagern sich auch die Subzentren nach außen.

Aus den anfänglich in der Messestadt Riem gemachten Fehlern hat die Stadt auch für die Zukunft gelernt. In den später errichteten Quartieren um den Ackermannbogen oder demnächst auch in Freiham gibt es für die privaten Bauunternehmen Verpflichtungen in den Verträgen. Die sollen einerseits sicherstellen, dass die „Münchner Mischung“ erhalten bleibt, andererseits aber auch im Vorhinein genug Eigentumswohnungen zur Verfügung stehen. In einer Beschlussvorlage, die den Münchner Stadtrat in diesen Tagen passieren soll, ist von den Warnungen von vor 45 Monaten auf jeden Fall keine Rede mehr. Im Gegenteil: Für das Sozialreferat ist die Messestadt ein „normales Viertel“.

Fotos: Marcus Schlaf (2), MVG München

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