Schluss mit frustig

Immer wieder wechseln erfahrene Journalisten in die PR. Da gibt es mehr Geld und sichere Arbeitsplätze, heißt es oft. Doch es steckt mehr dahinter. Drei ehemalige Redakteure erzählen.

 

{

Andreas Heine

Es ist nicht das Geld, es ist die Sinnhaftigkeit und die Wertschätzung für das, was man tut

Andreas Heine wartet am Frankfurter Flughafen. Zwischen Check-in und Boarding hat er kurz Zeit für ein Interview. Dann geht es zu einer Messe nach Shanghai. Reisen und Internationalität, davon hatte er schon während seiner Zeit im Journalismus geträumt. „Ich hatte schon immer sehr große Lust aufs Ausland.“ Als Chefredakteur beim Radio hatte er da nur wenig Chancen. Jetzt macht er PR. Ist Leiter der Kommunikation und des Marketings beim Automobilzulieferer Kirchhoff Automotive.

Heine spricht einen anderen Aspekt an: Die Wertschätzung. „Ich tue viel für die Mitarbeiter, damit sie gerne da arbeiten. Das ist etwas, was im Unternehmen hoch angesehen ist und man erfährt viel Wertschätzung.“ Das sei in den Medien, für die er zuvor gearbeitet hat, nicht so hoch. „Gerade von Kollegen aus dem Zeitungsbereich, sehe ich, dass sie extrem frustriert sind“. Schon bei journalist.de beklagte er einst: „Die Geschwindigkeit berauschte, die fehlende Nachhaltigkeit frustrierte.“

 

 

 

Andreas Heine (rechts)

Der Karrieresprung

Jahrelang war Holger Paul bei der FAZ glücklich, wie er betont. „Ich bin gerne Journalist gewesen, bis zum letzten Tag.“ Doch dann kam die Verlockung: „Irgendwann kommt der Punkt im Leben, an dem nochmal eine Tür aufgeht und es ist vielleicht die letzte Gelegenheit für einen solchen Wechsel.“ Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) machte ihm ein Angebot. Berufliche Veränderung und ein Sprung auf der Karriereleiter lockten ihn. „Ich war FAZ-Redakteur und jetzt bin ich Abteilungsleiter und habe ein Team“, erklärt er. „Sie haben im Journalismus ja nicht viele Hierarchiestufen. Es gibt Chefredakteure und Ressortleiter und darunter kommen die Redakteure. Wie viele Redakteure können realistisch einen Karrieresprung machen?“ Beim Jobwechsel auf die PR-Seite gebe es viel mehr Möglichkeiten.

 

 

 

Holger Paul (links)

Zurück zu den Wurzeln

Bei Andreas Burkert war alles anders. Er ging wieder zurück in die PR. Dort, wo er einst klein angefangen hatte. „Basketball ist meine Leidenschaft, ich habe selber lange gespielt. Dort habe ich einst auch ein bisschen die Pressearbeit für den Verein betreut. Man könnte also fast sagen, dass sich da ein großer Kreis schließt“, erzählt er. Später arbeitete er bei der SZ. Auch er war im Journalismus zufrieden: „Ich hatte da eigentlich einen Traumjob“, sagt Burkert. „Aber irgendwann hat jeder wohl mal das Gefühl, vielleicht doch mal etwas Anderes machen zu wollen.“ Jetzt ist er Pressesprecher beim FC Bayern Basketball. Und zieht Gewinn aus seiner Zeit als Redakteur: „Der FC Bayern ist ein Verein, der immer im Fokus steht. Da kann es nur von Vorteil sein, wenn wenn man das Handwerk, das Handeln und Denken des Gegenübers, also des Journalisten, kennt.“

 

Andreas Burkert bei einer Pressekonferenz des FC Bayern Basketball (links)

Wenn so viele Redakteure die Seiten wechseln, ist der Journalismus dann ein Job ohne Zukunft? „Ich bin überzeugt, dass auch in der rasanten Internet-Ipad-Welt noch lange Bücher gelesen werden – und genauso wird es das Berufsfeld Journalismus immer geben. Es verändert sich gerade, aber ich glaube nicht, dass der Qualitätsjournalismus ausstirbt. Ganz im Gegenteil. Gerade er wird meiner Meinung nach überleben“, meint Burkert.

Trend zur PR

Eine Facebook-Umfrage in der Gruppe Publizistik- und Kommunikationswissenschaften – Uni Wien, an der 40 Mitglieder teilnahmen, zeigt: Die meisten Studenten wollen in die PR. Die Ablehnung, vom Journalismus in die PR zu wechseln, ist sehr gering. Ein Trend, den auch René Teichmann von der Freien Journalistenschule in Berlin bestätigen kann: „Nahezu jeder Journalistenschüler wählt auch Module aus unserem PR-Schwerpunkt.“

 

Verwunderlich ist, dass Werbung und Print-Journalismus gleich auf liegen. Online-Journalismus liegt leicht abgeschlagen dahinter. Und das, obwohl er oft als die Zukunft gehandelt wird. Angehende Journalisten dieser Gruppe lockt die PR nicht mit Geld. Ein sicherer Arbeitsplatz wäre eher der Grund für einen Jobwechsel.

Der große Unterschied: Das Gehalt

In der PR-Branche gibt es keinen Tarifvertrag. Unterschiede in der Bezahlung sind deshalb sehr hoch. In einer PR-Agentur verdient ein Angestellter meist weniger als in einem Unternehmen. Und je größer das Unternehmen, desto höher üblicherweise auch das Gehalt. Eine allgemein gültige Zahl findet man deshalb nicht. Jedoch erstellen Jobportale immer wieder Umfragen. Die in der Tabelle aufgelisteten Gehälter beziehen sich auf den Stepstone Gehaltsreport von 2015. Die Beträge in der Chart sind in Euro pro Monat angegeben. Sie sind abhängig von der Berufserfahrung in Jahren.

Balkendiagramm Gehalt

In der PR verdient der Angestellte also von Anfang an durchschnittlich 13,58 Prozent mehr. Ab 10 Jahren Berufserfahrung beträgt der Gehaltsunterschied zwischen Journalismus und PR 29,07 Prozent.

%

Mehr Gehalt in der PR bis zwei Jahre Berufserfahrung

%

Mehr Gehalt in der PR ab zehn Jahren Berufserfahrung

Zum Vergleich die Gehälter eines Zeitungsredakteurs laut Tarifvertrag:

Gehalt Zeitungs-Redakteur

laut Tarifvertrag, ab 1. Berufsjahr
3155

Gehalt Zeitungs-Redakteur

laut Tarifvertrag, ab 4. Berufsjahr
3661

Gehalt Zeitungs-Redakteur

laut Tarifvertrag, 7. - 10. Berufsjahr
4224

Gehalt Zeitungs-Redakteur

laut Tarifvertrag, ab 11. Berufsjahr
4648

Lange Arbeitszeiten

Unregelmäßige Arbeitszeiten, Wochenenddienste und Nachtschichten. Im Journalismus ist das gang und gäbe. Doch auch in der PR hat man meist keine klassische Fünf-Tage-Woche. Eine Umfrage von werbeblogger.de zeigt: Der Großteil der Befragten arbeitet mehr als 40 Stunden pro Woche. Zwar gibt es geregeltere Zeiten, weil die Ereignisse absehbar sind. Aber beispielsweise bei der Vorbereitung einer Pressekonferenz sind Überstunden keine Seltenheit. Außerdem ist ein PR-Angestellter in seiner Tagesgestaltung häufig nicht so frei wie ein Journalist. Viel Zeit verbringt er in Meetings.

Was die Kollegen sagen

Den Jobwechsel vom Journalismus in die PR haben früher viele strikt abgelehnt. Heute ist er fast salonfähig. Bei Holger Paul gab es wenige kritische Stimmen. „Da hatte ich mich auf mehr eingestellt. Es gab den einen oder anderen Kollegen, der sagte: Das ist schade. Jeder gute Journalist, der geht, ist ein Verlust.“ Auch bei Andreas Heine gab es keine Probleme. „Das ganze Unternehmen hat einen guten Ruf. Wenn ich irgendwo hingewechselt hätte, wo es bekannt ist, dass die permanent Probleme mit den Medien haben, wäre es vielleicht etwas Anderes gewesen.“ Und bei Andreas Burkert: „Es gab überhaupt kein Unverständnis, die Überraschung über meinen Schritt war allerdings groß“, sagt er. „Einige haben sogar gesagt: Das könnte ich mir auch vorstellen.“

 

Pin It on Pinterest

Share This
Lust beim kommenden Grundkurs Online
dabei zu sein?

Lust beim kommenden Grundkurs Online

dabei zu sein?

Dann schau hier vorbei:

Infos und Anmeldung

You have Successfully Subscribed!