Industrieklettern: Bloß keine Höhenangst!

Von K.G.

Sie reparieren, montieren und reinigen, wo Gerüst und Hebebühne nicht mehr rankommen. Industriekletterer Lars Thielsch verrät, wie Arbeiten in schwindelerregender Höhe aussieht.

200 Meter – vor einem Monat hat Lars Thielsch seinen Höhenrekord geknackt. Mit seinem Team ist er auf den Schornstein des Heizkraftwerks Reick geklettert. Eine Inspektion des zweitgrößten Gebäudes Dresdens stand an. „Da waren wir alle natürlich sehr stolz“, sagt der Industriekletterer.

Ein Arbeitsplatz in schwindelerregender Höhe. Für den 30-Jährigen ist das kein Problem. Angst hat er nicht, da verlässt er sich auf Klettergurt und Seile. Und auch regelmäßige Schulungen geben Sicherheit. „Aber ein gesunder Respekt ist schon bei jeder Kletterei dabei“, so Thielsch.

Industriekletterer wie Thielsch kommen zum Einsatz, wenn Gerüste oder Arbeitsbühnen nicht mehr ausreichen. Außerdem ist der Zugang per Seil oft günstiger; Straßenabsperrungen und schwere Baugeräte sind meist nicht nötig. Es kann also weitergearbeitet werden, während der Kletterer einen Brandmelder an der Decke auswechselt oder die Glasfassade reinigt.

Arbeit in Höhen und Tiefen

Die handwerklichen Aufgaben in der Höhe sind nahezu unerschöpflich: Inspektionen, Montagen und Reparaturen an Windenergieanlagen, Kirchtürmen, Hochhaus-Fassaden, Stadion-Dächern. So heißt es auf der Seite der FISAT, des Fach -und Interessenverbands für seilunterstützte Zugangstechniken. Aber auch in der Tiefe sind Industriekletterer am Werk, etwa in Brunnen- oder Schächten.

 

 

Ein gesunder Respekt ist schon bei jeder Kletterei dabei.

Lars Thielsch

Thielsch hat mit dem Industrieklettern sein Hobby zum Beruf gemacht. Schon als Kind ist er im Elbsandsteingebirge auf Klettertour gegangen. Nach der Schule hat Thielsch aber erst eine „ordentliche, handwerkliche Ausbildung“ zum Übertragungstechniker gemacht, bis ihm die Idee mit dem Industrieklettern kam. Nun erklimmt er schon neun Jahre beruflich Häuserfassaden und Industrieanlagen; seit sieben Jahren hat er eine eigene Firma.

Überraschenderweise sind nicht viele von Thielschs Kollegen auch Hobbykletterer. Er spricht von einem Verhältnis von 80 zu 20 Prozent: „Die meisten haben einen handwerklichen Beruf erlernt und dann den sogenannten Industriekletterer oder Höhenarbeiter als Weiterbildung gemacht. Sie haben auch in der Freizeit nichts mit Bergsteigen oder Seiltechnik zu tun, sondern sind wirklich froh, wenn sie das Kletterseil in die Ecke legen können“.

„Man verlässt sich zu 100 Prozent auf die Seiltechnik“

Gefühlt gab es für Thielsch keine großen Unterschiede zwischen dem Klettern auf einem Berg oder auf einer Industrieanlage. Doch im Gegensatz zum Hobbyklettern braucht der Höhenarbeiter fast immer zwei freie Hände, um arbeiten zu können: „Man verlässt sich zu 100 Prozent auf die Seiltechnik“. Und Ablageflächen gibt es in der Höhe meist auch nicht. Den Hammer oder die Bohrmaschine zur Seite räumen ist nicht so leicht, wie in der Werkstatt.

 

Für jeden seiner Aufträge muss sich Thielsch ganz individuell vorbereiten, bewerten, wie viel Zeit für die Aufgabe nötig ist und natürlich auch, welche Vorsichtsmaßnahmen für die Mitarbeiter vor Ort getroffen werden müssen.

In seinen neun Jahren Berufserfahrung musste Thielsch aber noch nie sagen: „Da kommen wir nicht hin“. Allerdings gibt es Orte, die schwerer zugänglich sind als andere und die Arbeit aufwändiger machen. Etwa als das Team ein Rohr an der Decke einer Produktionshalle für Autos installieren musste. Einen Befestigungspunkt gab es dort nicht. Die Kletterer mussten also Haken für Haken selbst bohren, um ans Ziel zu kommen. Roboter und Lakieranlagen waren währenddessen weiter in Betrieb.

Ein Job mit Risiko?

Thielschs Arbeit mag Laien gefährlich erscheinen. Doch das ist sie nicht: „Bisher gab es in Deutschland keinen tödlichen Absturzunfall eines Höhenarbeiters mit gültigen Zertifikat. Das sagt die Berufsgenossenschaft Bau und das können wir als Verband so mittragen“, nimmt Sven Drangeid vom FISAT Stellung.

Bei ihren Einsätzen sind die Höhenarbeiter stets doppelt gesichert. Die Kletterer arbeiten mit Hilfe von zwei Seilen: dem Trag- und dem Sicherungsseil. An ersterem steigt der Kletterer auf oder seilt sich ab, um sich an der jeweiligen Arbeitsstelle zu positionieren. Das Sicherungsseil ist dazu da, den Arbeiter im Notfall aufzufangen.

„Kleine Schrecksekunden gibt es schon mal“

Industriekletterer arbeiten nicht allein. Die Rettung eines Mitarbeiters im Notfall ist auch Teil der Ausbildung. Der Grund: Die Arbeitsorte  sind für normale Rettungsdienste oft unerreichbar. Teamarbeit ist also überaus wichtig. Thielsch erinnert sich an einen Auftrag in Frankfurt am Main, bei dem eine scharfe Glaskante in sein Seil schnitt. Ein Kollege hatte dies zum Glück gesehen und Thielsch konnte schnell reagieren und Schlimmeres verhindern. Zwar ist Thielsch in keine wirklich gefährliche Situation geraten, „aber so ein paar kleine Schrecksekunden gibt es schon mal“.

Fotos: © Industrieklettern VERTIKALIS

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  • „Industriekletterer“ ist eigentlich kein Beruf. In einer dreistufigen Ausbildung lernt der Höhenarbeiter die sogenannte „Seilzugangstechnik“, mit der er seinen schwer zugänglichen Arbeitsplatz erreicht. Es ist also eher eine Zusatzqualifikation.
  • Die Verhüllung des Berliner Reichtags im Jahr 1995 hat das Arbeiten am Seil bekannt gemacht. Bis dahin war dies nicht erlaubt; für das Kunstprojekt gab es eine Sondergenehmigung.
  • Die beteiligten Höhenarbeiter entschlossen sich damals, die Sicherheits- und Ausbildungsstandards für die Seilzugangstechnik genau zu definieren. So ist der FISAT entstanden.

nach FISAT zertifizierte Anwender von Seilzugangstechniken gibt es (Stand Januar 2017)

Die Kombination zu finden aus einem guten Handwerker und einem Kletterer ist schwer für uns.

Lars Thielsch

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