Flugangst - Albtraum vom Fliegen?

Für manche erfüllt sich ein Traum, für andere ist es der Horror: Fliegen. Wie ergeht es Menschen, die unter Flugangst leiden und was kann man dagegen tun? Eine Betroffene und ein Therapeut erzählen.

Für den Vielflieger ist in ein Flug reine Routine und wenn es doch mal turbulent wird, wird lediglich die Arbeit am Labtop unterbrochen oder die Zeitung beiseite gelegt. Wie kann es aber sein, dass andere schlaflose Nächte erleben, Schweißausbrüche während des Flugs bekommen oder sogar daran scheitern in den Flieger einzusteigen. Schwierig wird es, wenn die betroffenen Personen beruflich auf das Flugzeug angewiesen sind oder Urlaubsziele ansteuern möchten, die man anders nicht erreichen kann.

Was die Flugstatistik verrät.

Flugangst ist kein Minderheitenthema. Laut Umfragen fliegt jeder dritte Deutsche mit einem unguten Gefühl, jeder fünfte leidet bei Flugreisen unter massiver Angst und Panikattacken. Laut einer Umfrage von Statista sind immerhin 19 Prozent der Befragten von wirklicher Flugangst betroffen.

Vergleicht man das Flugzeug mit anderen Verkehrsmitteln, wird deutlich, dass Flugangst nicht durch Unfallstatistiken gestützt wird.

Und die IATA (International Air Transport Association) gab für 2015 folgende Unfallrate zu weltweiten Unfällen mit Totalschaden für Jets bekannt.

Flugunfall je

Flüge weltweit

Welche Ursachen Flugangst hat.

Eine Flugangstpatientin erzählt von Ihren Ängsten. Ein Therapeut erklärt Ursachen.

 

Die Betroffene

Yvonne G. hat Angst vor dem Fliegen. Sie möchte anonym bleiben. Trotzdem stimmt sie einem Treffen am Flughafen München zu.

Wie ergeht es Ihnen jetzt, da wir uns am Flughafen treffen?
Mit dem Flughafen selber habe ich gar kein Problem. Wir kommen oft mit der Familie her, mit den Kindern auf die Aussichtsplattform. Ich muss ja nicht ins Flugzeug steigen.

Wie fühlt sich Ihre Flugangst an?
Wenn ich alles organisiere und buche, ist noch alles gut, weil es ja in recht weiter Ferne liegt. Das macht man ja alles schon weit im Voraus. Je näher der Tag dann kommt, umso schlechter schlafe ich und umso nervöser werde ich auch, und gereizter. Ich bin unruhig. Und teilweise war es, dass ich zwei, drei Nächte vorher durchgeheult habe.

Müssen Sie eher beruflich oder privat fliegen?
Eher beruflich und es sind hauptsächlich Langstrecken. Mit den Kurzstrecken habe ich gar nicht so das Problem. Innerhalb von Deutschland oder was im zwei-Stunden-Bereich ist, ist in Ordnung. Aber gerade diese Langstreckenflüge, wo ich dann weiß, ich bin elf, zwölf Stunden in diesem DING drin ohne eine Möglichkeit herauszukommen, das ist das Problem. Also das würde ich privat meiden, wenn es nicht unbedingt sein muss.

Gerade diese Langstreckenflüge, wo ich dann weiß, ich bin da elf, zwölf Stunden in diesem Ding drin ohne eine Möglichkeit herauszukommen, das ist das Problem.

Yvonne G.

  • Marketing-Managerin. Leitende Angestellte in einem internationalen Elektronikunternehmen.
  • 42 Jahre.
  • Wohnhaft im Großraum München.
  • verheiratet, 2 Kinder, 4 und 6 Jahre alt.
Mit der S-Bahn zum Flughafen München

Wie oft müssen sie beruflich lange Strecken fliegen?
Zwei, dreimal im Jahr maximal. Ich versuche es immer so niedrig wie möglich zu halten. Aber ab und zu muss es doch mal sein.

War Ihnen klar, dass häufiger fliegen müssen, bevor Sie die Stelle angetreten sind?
Jein. Es hat sich entwickelt. Am Anfang war es gar nicht nötig. Das wurde dann immer mehr.

Wissen andere aus Ihrem beruflichen Umfeld, dass Sie Flugangst haben?
Ich habe es ganz lange für mich behalten. Das vorletzte mal war es so, dass ich das Gefühl hatte, ich kann da nicht einsteigen. Das ging wirklich gar nicht mehr. Da bin ich zu meinem Chef gegangen und habe es ihm gesagt. Ich hatte natürlich Bedenken, wie er das aufnimmt. Aber er war total entspannt. Ich habe diese Reise verschoben. Es war sicherlich nicht ideal, aber es ging. Und nach meinem Flugangst-Seminar habe ich öfter mit Leuten darüber gesprochen, weil es mich auch begeistert hat, wie das gelaufen ist.

Gab es einen Auslöser für Ihre Flugangst? Ein Erlebnis?
Schwierig zu sagen. Ich bin geflogen, seitdem ich ein Baby war. Wir sind ganz viel gereist mit meinen Eltern. Es gab nie einen  katastrophalen Flug, der das ausgelöst hat. Das hat sich über die Jahre verstärkt, seit ich die Familie habe. Was passiert, wenn tatsächlich etwas ist, die sind dann alleine und haben mich nicht mehr.

Je näher der Tag dann kommt, umso schlechter schlafe ich und umso nervöser werde ich auch, und gereizter.

Kurz vor dem Abflug steigt oft die Flugangst

Würden Sie sich als ängstlichen Typ einschätzen?
Nicht wirklich. Es gibt ein paar Sachen, die mir unangenehm sind. Ich fahre zum Beispiel nicht gerne durch Tunnel, lange Tunnel. Ich bin auch nicht gerne in Menschenmassen. Aber ich breche da nicht in Panik aus. Das ist mir einfach unangenehm und wenn ich es vermeiden kann, mach ich das.

Und Zug oder S-Bahn fahren?
Nein. Das ist am Boden und ein bisschen kontrollierbarer als in der Luft.

Was haben Sie alles probiert, um mit Ihrer Flugangst zurechtzukommen?
Ich war beim Hausarzt, der mir Reisemedikamente verschrieben hat. Die habe ich nie genommen, weil ich ihnen nicht über den Weg getraut habe. Und ansonsten habe ich mich mit dem Firmenarzt unterhalten und der hatte dieses Flugangstseminar empfohlen. 

Der Therapeut

Professor Markus Schaer ist Psychologe und psychologischer Psychotherapeut. Er unterrichtet Psychologie an der Evangelischen  Hochschule Nürnberg und bietet Seminare und Coaching bei Flugangst in Kooperation mit Lufthansa an.

„Die Ursachen für Flugangst sind sehr vielfältig“ erläutert er in dem Video-Interview.

Prof. Dr. Markus Schaer

  • Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut.
  • Professor für Psychologie an der Evangelischen Hochschule Nürnberg.
  • 40 Jahre alt.
  • Wohnhaft in München.

Wie Sie Flugangst bekämpfen können.

Ratgeber und Tipps

Vor dem Flug

  • Fliegen nicht vermeiden! Das führt dazu, dass Ängste noch stärker werden und der Erwartungsdruck erhöht wird.
  • Informationen übers Fliegen einholen (Fakten, wie werden Piloten ausgebildet?)
  • Ratgeberliteratur besorgen.
  • CDs mit Fluggeräuschen, Entspannungs-CDs anhören.

Während des Flugs

  • Sich an das Bordpersonal beim Einstiegen wenden und sich „outen“. Das Bordpersonal ist meist sehr hilfsbereit und geht auf die Wünsche des Passagiers ein.
  • Entspannungsübungen, autogenes Training, Muskelentspannungen.

Grundsätzlich bei massiven Ängsten

  • Bei umfassenden Ängsten professionelle Hilfe beim Therapeuten einholen.
  • Flugangst-Seminar oder Einzel-Coaching.

Wie ein Flugangst-Seminar abläuft.

 

Flugangst-Patientin Yvonne G. hat an einem Flugangst-Seminar teilgenommen.

Was hat Ihnen am meisten geholfen in dem Seminar?
Zum einen war es das Gefühl, dass da viele andere sind, denen es genauso geht. Die Gespräche und die Informationen, die man von der Crew bekommen hat, dass einem auch gesagt wurde, sagt es, wenn Du ins Flugzeug einsteigst, sagt der Crew, dass Du nicht gerne fliegst oder das Du Angst hast und dann kümmern die sich. Ich wäre vorher nie auf die Idee gekommen, weil ich dachte, die haben ihren Job zu tun und ich muss sie jetzt nicht zusätzlich belasten. Und was ich super fand, war der Technikteil: Die Erklärungen, wie überhaupt so ein Flugzeug funktioniert. Wie so etwas auf dem Radar ausschaut, wie sich Wolken darstellen und bis wann man noch durchfliegt und ab wann man anfängt außen herum zu fliegen? Das war der Wahnsinn.

Man macht dann auch einen Testflug. Wie verlief der?
Der war okay, es war ein sehr entspannter Flug. Es ging eine Stunde nach Hamburg. Die Kurstrecke ist für mich eh nicht so problematisch. Daher war ich relativ entspannt. Wie saßen mit jemanden von der Technik zusammen und er hat wirklich jedes Geräusch erklärt, jedes Klacken, jedes kleine dumpfe Geräusch. Und das hat mir beim nächsten Flug geholfen. Ich wußte, das alles ist ganz normal. Das war ein gutes Gefühl.

Haben Sie nach dem Seminar einen Langstreckenflug absolviert?
Ich bin zwei Wochen später in die USA geflogen. Das war ein Elf-Stunden-Flug. Bevor ich eingestiegen bin habe ich mir gedacht, das muss jetzt nicht unbedingt sein. Aber ich hab ihn nicht abgesagt. Das war ja schon mal ein erster Schritt. Und der Flug war tatsächlich ganz okay, besser als die vorher, einfach weil ich mehr von diesem Wissen hatte, auch als Turbulenzen kamen. Im Seminar habe ich gelernt, dass ein Flugzeug Turbulenzen mag. Das ist wie bei einem Schiff, dass sich bei Wellengang auf dem Wasser bewegt. Ich habe mir ins Gedächtnis gerufen, dass das ganz normal ist.

Im Seminar habe ich gelernt, dass ein Flugzeug Turbulenzen mag. Das ist wie bei einem Schiff, dass sich bei Wellengang auf dem Wasser bewegt.

Nimmt Ihre Angst zu, wenn sie von Flugzeugabstürzen hören?
Während ich in den USA war ist die Maschine in Südamerika mit der brasilianischen Fußballmannschaft abgestürzt. Besser macht es das nicht, aber ich bin trotzdem zurückgeflogen.

Was würden Sie anderen Betroffenen raten?
Damit offen umzugehen, mit jemanden zu reden, gerade wenn Fliegen beruflich verpflichtend ist. Privat ist es leichter, mit dem Partner darüber zu sprechen. Es war richtig, dass ich gesagt habe, so ist es, was können wir nun machen.

Haben Sie wieder Flüge geplant?
Im Mai und Juli steht wieder etwas an.

Während ich in den USA war ist die Maschine in Südamerika mit der brasilianischen Fußballmannschaft abgestürzt. Besser macht es das nicht, aber ich bin trotzdem zurückgeflogen.

Warten auf den Abflug am Terminal 2 in München
Flugangst Anzeigetafel auf dem Weg zum Gate
Therapeut Markus Schaer schildert Details zu einem Flugangst-Gruppenseminar.

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