Das Internet und seine Content-Wut

Echtzeit-Qualität im Online-Journalismus

„Es war 20 vor zwölf, als ich die Eilmeldung von Spiegel Online auf mein Handy erhalten habe“, erzählt Dr. Christina Peter der Universität München im Gespräch über den Absturz der Germanwings-Maschine. Die Uhrzeit weiß die Kommunikationswissenschaftlerin noch ganz genau, da die Pushnachricht „kurz vor dem Mittagessen mit den Kollegen“ ankam. Beim Essen gab es dann kein anderes Thema. Sie und ihre zehn Kollegen diskutierten wild in der Uni-Kantine. Alle wollten mehr wissen. Kaum war der letzte Brocken im Schock heruntergeschluckt, wurde das Smartphone wieder gezückt. Um die neusten Erkenntnisse nachzulesen.

Absturz der Germanwings-Maschine

Ähnlich haben viele Menschen in Deutschland am 24. März 2015 reagiert, nachdem das Unglück publik gemacht war. Quasi eine Newssucht. Immer mehr, immer schneller – und am liebsten sofort mit konkretem Ergebnis. Auf allen Kanälen war der Absturz das Hauptthema. Binnen Minuten wurden neueste Erkenntnisschnipsel veröffentlicht. Ein Rennen – gegen die Zeit, gegen die Konkurrenz. Etwa, wenn man die Liveticker und Eilmeldungen vermeintlich seriöser Nachrichtendienste betrachtet, die aus dem Boden gestampft wurden. Richtig recherchiert wurde wenig. Viel abgeschrieben, noch mehr spekuliert.

Die erste Vermutung war ein technischer Defekt des Flugzeuges. Die Biografie der Maschine wurde aufgerollt samt Protokoll der letzten Wartungen und kleinster Auffälligkeiten. Vermutung zwei folgte wenig später: Menschenversagen. Da die Technik-Ursache schnell ausgeschöpft war, rückte der Pilot ins Visier der Journalisten. Weitere Spekulationen folgten und auch hier wurden unterschiedlichste Szenarien durchgespielt. Alles ohne fundiert belegte Details zu Hergang und Ursache.

Die große ethische Debatte folgte, als einen Tag nach Absturz klar wurde, dass der Copilot beim Absturz im Cockpit saß. Jetzt ging es erst richtig los: Die Liverticker liefen heiß. „Polizei durchsucht Wohnung und findet Krankmeldung“, „Copilot physisch labil“, TV-Sondersendungen mit vermeintlichen Experten. Dies alles basierend auf den Aufnahmen des Cockpit-Voicerecorders. Die Bergung des Flugschreibers sollte zu diesem Zeitpunkt noch über eine Woche dauern. Viel zu lang für unsere Gesellschaft. Ein Schuldiger musste her. Schließlich wurde die getötete deutsche Schulklasse als mediale Opfer-Figur porträtiert.

Twitter-Wahn bis heute


Spekulationsjournalismus statt Qualität?

Kritisch sieht diese Entwicklung auch Christoph Lindenmeyer, Honorarprofessor der Universität Erlangen und langjähriger Journalist beim Bayerischen Rundfunk. Bei einem Großereignis folgt in der heutigen Zeit eine Medienhysterie – mit oft nur spekulativen Inhalten. Alles was aufgeschnappt wird, wird weiterverbreitet. Lindenmeyer denkt, dass mit dem technischen Fortschritt eine generelle Entprivatisierung des Lebens einhergegangen ist. Er wirkt nachdenklich, wenn er über das spricht. Es ist aber im Moment auch „eine spannende Lage, da sich die Medienwelt im Umbruch befindet.“ Mit munteren Augen, einer modischen Hornbrille und lässig über die Schulter gelegtem Sakko spricht der pensionierte Journalist vom Wandel der Medienwelt. Seit den 70er Jahren ist er mit dabei. Damals hat er beim BR volontiert und so die digitale Revolution von Anfang an miterlebt.

Einen Hauptfaktor sieht er im Zeitdruck. Sich unter den großen Nachrichtenseiten zu übertrumpfen. Aber auch der Druck, die Aktualitätserwartung seitens des Onlinelesers zu erfüllen. Christoph Lindenmeyer bezeichnet das „Spirale des Tempos“. Mit einem ähnlichen Begriff beschreibt auch die Wissenschaftlerin Dr. Christina Peter diesen Zustand: „Aktualisierungsvakuum“. Beide sprechen damit das gleiche Problem an, das sich an der Nachrichtenberichterstattung über den Absturz des Airbus A320 deutlich gezeigt hat.

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Christoph Lindenmeyer

Ab einem gewissen Wichtigkeitsgrad scheint es heute kein Recht auf Privatsphäre mehr zu geben. Diese Entwicklung ist auch in den Medien zu beobachten.

Hinsichtlich der Qualitätsdebatte ist diese Entwicklung sehr schwierig, da sich der Nachrichtenjournalismus stark dem Boulevard-Journalismus annähert.

Christoph Lindenmeyer

In den Kinderschuhen

Wir, die Smartphone-Generation

Wir, die Smartphone-Generation, sind daueronline. Wir, die Smartphone-Generation, können und wollen durch die technischen Möglichkeiten zu jedem Zeitpunkt den aktuellsten Stand eines Ereignisses nachverfolgen. Alles, aber bitte in kurzen, gut verständlichen Häppchen.

Ein Teufelskreis. Wir wollen alles brandaktuell, sind jedoch gleichzeitig entrüstet über die Boulevard-ähnliche, verkürzte Berichterstattung. An dieser Stelle sieht Dr. Christina Peter eine Weiterentwicklung. Nie gab es ähnlich viele Ethikdebatten während eines Unglückes. Die öffentliche Diskussion, die über die voreilige Berichterstattung nach dem Absturz folgte, zeichnet einen weiteren Schritt der medialen Entwicklung ab. Eine Kommunikationsdynamik entsteht zwischen Lesern und Berichterstattern. Die Situation und Entwicklung sind ungewiss, da das Internet uns quasi zu Newsgaffern macht.

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