Abenteuer Deutschland: Eine Rundfahrt mit dem E-Bike

Deutschland erkunden kann jeder – mit Auto, Flugzeug oder Bahn. Maximilian Semsch aus München versucht es gerade mit dem E-Bike. Er ist im Mai in ein Abenteuer vor der Haustüre gestartet.

Feiner Sand kitzelt zwischen den Zehen, die Sonne geht blutrot unter. Maximilian Semsch lässt seinen Blick in die Ferne schweifen, in der Stille des lauen Maiabends prasselt ein Lagerfeuer. Er fühlt sich frei. Der Münchner sitzt aber nicht am Strand Ko Phangans in Thailand – sondern bei Stephansposching an der Donau, einem Dorf mit gut 3000 Einwohnern. An einem Sandstrand, einem exotischen Platz im heimischen Bayern. Nur eine von vielen Stationen auf seiner Radreise in den Norden des Landes und zurück.

Deutsche fuhren 2015 mit dem Rad in den Urlaub.

Euro kostet ein E-Bike in Deutschland im Schnitt.

Mal war der Elberadweg der beliebteste in Deutschland.

Semsch ist am 1. Mai in München gestartet. Mit dem E-Bike hat er sich in ein Abenteuer gestürzt. Er, der mit dem Pedelec schon von der bayerischen Landeshauptstadt nach Singapur und quer durch Australien gestrampelt ist, lernt das Land kennen, das ihm noch fremd ist: Das eigene. Deutschland. Das Land, von dem jeder sein eigenes Bild hat, wo oft nur Klischees bestehen: Deutsche Pünktlichkeit, Reserviertheit, Distanz, Kühle.

Maximilian Semsch denkt gerne zurück an seine Tour durch Kasachstan, wo er mit offenen Armen empfangen und zum Essen eingeladen wurde – die Türen waren schon geöffnet, bevor er überhaupt da war. Was würde ihn in Deutschland erwarten? Würden sich die Klischees alle zerschlagen? Oder würde er alleine an verschlossenen Fensterläden und heruntergelassenen Rollläden vorbeiradeln?

Bildergalerie: So sieht Deutschland wirklich aus

Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen.

Johann Wolfgang von Goethe

Reisen veredelt den Geist und räumt mit unseren Vorurteilen auf.

Oscar Wilde

Das Abenteuer liegt vor der Haustüre.

Maximilian Semsch

Unerwartete Begleiter

Semsch will es am eigenen Leib erfahren und nicht im ICE durch das Land rauschen. Auf ein wildes Deutschland hat er sich nicht vorbereitet. Schließlich gibt es hier rund 75.000 Kilometer Radwege. Bisher hat er gut 2500 Kilometer hinter sich gebracht – das entspricht gerade einmal rund drei Prozent. 3000 Kilometer hat noch vor sich.

In Bayern hat er Glück: Bis auf einige Regenschauer zu Beginn der Reise bleibt er trocken. Zwischen Deggendorf und Regensburg kommt er nach Stephansposching. Dort entdeckt er ein landschaftliches Kleinod: einen Sandstrand mitten in der Welt der Lederhosn- und Gamshutträger, für ihn „genauso exotisch wie am Meer in Asien“.

Nach seiner Zeltnacht am Sandstrand und einem Ausflug nach Regensburg macht er sich auf den Weg ins Erzgebirge. Er kann es immer noch nicht fassen, dass er überall auf der Welt gewesen ist, aber diese Orte, die er jetzt entdeckt, noch nie gesehen hat. Dort warten steile Berge, die Oberschenkel brennen wie nach 120 Minuten Fußball – trotz elektrifizierter Unterstützung.  Damit fährt er mit 20 Stundenkilometer auch bergauf. Das macht es ihm nicht nur etwas leichter, sondern verbindet auch das Angenehme mit dem Nützlichen: Maximilian Semsch lebt von seinen Touren. Er filmt, fotografiert und hält Vorträge. Und wenn die Zeit tagsüber knapp wird, um das nächste, angepeilte Ziel zu erreichen, kann er seine Geschwindigkeit konstant halten.

Vor allem sieht sich Semsch als Botschafter, als Pionier der E-Bike-Szene. Er will das Negativimage des Omafahrrads  aufpolieren. Durch seine Reisen will er zeigen, dass das E-Bike-Fahren Spaß macht, man größere Distanzen zurücklegen kann, ohne Spitzensportler zu sein. Aber es ist mehr, als nur den Motor anmachen und nichts mehr tun – „sonst wär’s ja auch ein Mofa.“

Verkaufte E-Bikes in Deutschland nach Jahren

  • 150.000 im Jahr 2009
  • 200.000 im Jahr 2010
  • 310.000 im Jahr 2011
  • 380.000 im Jahr 2012
  • 410.000 im Jahr 2013
  • 480.000 im Jahr 2014
  • 535.000 im Jahr 2015

Vergesst eure Vorurteile: Sachsen ist viel, viel mehr als Pegida.

Maximilian Semsch

DIe nächste Überraschung erlebt er im kleinen, sächsischen Dörfchen Zinnwald, im Osten des Erzgebirges. Nach der ganzen Strampelei durch das Erzgebirge hatte er sich auf das Schlimmste gefasst gemacht. Rechte Ströme, Ausländerfeindlichkeit – all das strahlt heller als die guten Eigenschaften von Land und Leute. Und dann das: Pure Gastfreundschaft. Maximilian Semsch ist komplett von den Socken. So kennt er das nur aus den asiatischen Ländern. Die Sachsen, denen er begegnet, sind offenund gehen auf ihn zu. Keine 30 Sekunden steht er mit seinem Rad irgendwo und wirft einen Blick in die Karte – und schon eilen die ersten herbei und bieten ihre Hilfe an. Einige begleiten ihn sogar ein Stuck auf ihren nicht elektrifizierten Rädern und führen Semsch zu den schönsten Orten der Region.

Die drei schönsten Orte

Königssee

„Das ist einer der schönsten Seen in Deutschland. Den muss man einfach gesehen haben.“

Donauradweg zwischen Passau und Regensburg

„Die Stille dort ist beeindruckend. Mit Sandstränden und Muscheln fühlt man sich wie am Meer.“

Elbsandsteingebirge

„Die Aussichtspunkte, die man auf einer Wandertour entdeckt, sind grandios. Ein toller Ausblick auf die Elbe.“

Es ist allerdings nicht nur Zufall, dass ihm überall nette Mitfahrer begegnen. Er hat seine Strecke bei Facebook gepostet und sie über seine eigene Homepage öffentlich gemacht. Rund 40 Mitfahrer waren es bis dahin – unter anderem der deutsche Meister im Downhill-Mountainbiken Andre Wagenknecht. Schon lange vorher bekommt er Nachrichten wie „Kommst du da auch vorbei?“ – „Das musst du dir unbedingt anschauen“ – „Da komme ich mit!“ Für Semsch ein Traum: Seine Follower folgen ihm sogar im echten Leben ein Stück.

Über Sachsen und Sachsen-Anhalt kommt er auf den Elberadweg und zum Elbsandsteingebirge – sein, im wahrsten Sinne des Wortes,  absoluter Höhepunkt der bisherigen Reise. Er fühlt sich „wie bei den Hobbits im Auenland“, teilt er seinen Fans mit. Hunderte Kilometer liegen jetzt vor ihm, bis er über Magdeburg und Brandenburg an der Havel nach Berlin kommt – und dort an einer Oase mitten in Kreuzberg stehen bleiben kann.

An der Havel legt Semsch nochmal die Füße hoch. Er sattelt um – vom Fahrradsattel auf das Floß. Eine Pension vermietet Flöße, die jeweils ein kleines Zimmer haben. Mit seinem eigenen, kleinen Zuhause tuckert Semsch über die Havel und genießt die Ruhe auf dem Wasser. 2500 Kilometer hat er geschafft – was ihn wohl auf den nächsten 3000 erwarten wird?

 

Copyright Bilder: Maximilian Semsch

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