Last-Minute-Couchsurfing in München - ein Selbstversuch

Hotel, Hostel oder doch Couchsurfing: Touristen können auf viele Arten Städte bereisen. Was beim Couchsurfing alles schiefgehen kann, zeigt mein Selbstversuch.
Mitten in der Nacht wache ich auf und frage mich halbwach: Wo bin ich hier? Nach kurzer Denkpause fällt es mir wieder ein. Statt in meinem Bett liege ich bei David auf der Couch. Ich kenne ihn nicht, er ist mein erster Couchsurfer-Host. Doch der Weg zu meiner Last-Minute-Couch war schwer. Wer als Tourist nach München kommt, merkt schnell, dass die bayerische Landeshauptstadt nicht nur auf dem Immobilienmarkt ein teures Pflaster ist. Günstige Alternativen zu Hotels und Pensionen sind Hostels oder Jugendherbergen. Immer beliebter wird auch das Couchsurfing, wobei Gäste kostenlos auf einer Couch in einer Privatwohnung schlafen dürfen. Allerdings steht dabei nicht das niedrige Budget im Vordergrund. Das Erlebnis, andere Kulturen, Menschen und Typen zu treffen, ist die wichtigere Motivation. Deshalb ist der Umgangston locker, sich mit dem Vornamen anzusprechen normal.

So klappt Couchsurfing

  1. Füll Dein Profil vollständig aus. Interessen und Hobbys zeigen, wie Du drauf bist
  2. Schreibe persönliche Anfragen und betone gemeinsames mit dem Gastgeber
  3. Netzwerke: Finde in Deiner Stadt Freunde, die Dir erste Referenzen schreiben
  4. Lass Dich finden: Schreibe eine öffentliche Anfrage, dass Du in die Stadt kommst.
  5. Hol Dir die App, damit Du auch unterwegs kommunizieren kannst

Vorher

Couchsurfing, München

Nachher

„Die Gastgeber müssen wissen, wer da kommt“

Darum machen Leute Couchsurfing

  1. Interesse an fremde Kulturen, die man beim Reisen dadurch besser kennenlernt
  2. Leute, die sonst niemanden zum Reden haben
  3. Kontaktanbahnung
  4. wenig Budget und große Neugierde an einheimischen Menschen und Touristen
  5. „Profilneurotiker“, die sich super selbst darstellen
  6. Abenteuerlust

Los geht’s: Zuerst brauche ich ein Profil in der Couchsurfing-Community. Ich melde mich an, fülle dürftig einige Angaben aus und setze die ersten halbwegs persönlich formulierten „Requests“ ab. Zwei monströse Fehler. „Das Profil muss viele Informationen über dich enthalten, damit die Gastgeber wissen, wer da kommt“, erklärt mir Henry, ein Endzwanziger, in feinstem Englisch. Der Franco-Amerikaner, der in München, Montpellier und Glasgow und den Staaten gelebt hat, sammelte als Host und Surfer viel Erfahrung. „Die Anfrage muss hervorheben, warum ausgerechnet ich so gut auf die Couch passen würde.“ Es ist vergleichbar, als ob man um eine schöne Braut wirbt. Gute Argumente und auch der erste Eindruck auf dem Profilbild zählen.

Infos, Gemeinsamkeiten und Referenzen erleichtern das Couchsurfen

Die dritte Komponente: References. Die „Likes“ der Couchsurfing-Seite, die dem Gastgeber und dem Gast anzeigen, ob die Person wirklich vertrauenswürdig ist. Das soll selbstreinigend wirken, falls eine Person entweder als Host oder Surfer negativ aufgefallen ist und beispielsweise in der Nacht zu intim werden wollte. Als Neuling hatte ich keine Referenzen, unzureichende Anfragen gesendet und ein oberflächliches Profil. Kein Wunder, dass 20 Absagen kamen. Meine letzte Hoffnung: Das wöchentliche Couchsurfer-Treff am Dienstag um 19 Uhr, dieses Mal im Couchclub in der Klenzestraße. Um 19.30 Uhr waren wir zu viert, 31 hatten sich angekündigt. Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit nehmen die Surfer bei Gruppenveranstaltungen nicht so ernst, wie sich im Gespräch mit Florian und Martin zeigt. Couchsurfer organisieren auch Aktivitäten und Events, wie einen Ski-Trip oder eine Wanderung, in der jeweiligen Stadt. Nicht immer mit Erfolg. „Bei einer Wanderung haben 15 zugesagt, beim Treffpunkt waren nur fünf da“, erinnert sich Florian. Aber so ist es eben. Spontaneität ist wichtig. So auch für mich an diesem Abend. Bepackt mit einem Rucksack hoffe ich auf eine „Last-Minute-Couch“.

Auch für David ist es das erste Mal

Florian und Martin, die als erstes da waren, tut es leid: Nicht aufgeräumt und zu unerwartet, lauten die Begründungen. Doch nach einer Weile klappt es. David, der ungern seinen richtigen Namen lesen möchte, erbarmt sich und bietet mir einen Platz an. Für ihn ist es auch der erste Host, so nennt die Community Leute, die als Gastgeber auftreten. Der 1,90m große Junge hat ein markantes Gesicht, wasserstoffblonde Haare, ist 19 Jahre alt, studiert bald Informatik und Wirtschaft, trägt blau-weiß-kariertes Hemd und Jeans. Er wohnt noch zuhause, aber sein Vater, der dem Couchsurfing skeptisch gegenübersteht, sei nicht da. David ist sehr offen und sympathisch. Ein Typ zum Vertrauen. „Eine Bekannte in Irland zeigte mir die App“, erklärt er seine Couchsurfing-Anfänge. „Als ich wieder in München war, habe ich es ausprobiert und mich mit einigen getroffen, um ihnen die Stadt zu zeigen.“ Das weckte seine Lust auf mehr.

25 Leute habe ich angefragt, 24 Absagen habe ich erhalten. Dabei gibt es insgesamt sehr viele Couchsurfer in München.

Aktive Münchner Couchsurfer in den vergangenen sechs Monaten

Die Anzahl der Hotelbetten in München übersteigt die der Couchsurfer deutlich. Ist aber auch kostspieliger.

Hotelbetten in München 2014

%

Deutsche, die sich überlegen, Couchsurfing zu machen

Quelle: destatista.de
  • Deutsche, die nie Couchsurfen würden 52%
  • Deutsche, die schon mal Couchsurfen waren 8%
Quelle: destatista.de

Obwohl ich was gefunden habe, hänge ich nicht den restlichen Abend an David dran, sondern unterhalte mich auch mit den anderen Couchsurfern, die irgendwann eingetrudelt sind. 42 Leute sind nun da. Schnell bilden sich Grüppchen, man steht beisammen und redet über Gott und die Welt: auf Deutsch, Englisch, Italienisch und Französisch. In der Bar ist es heiß und für die Masse an Leuten zu eng. Erst ab 23:30 Uhr entspannt es sich, als fast nur noch Surfer da sind.

Fühlen sich Einbrecher so?

Kurz nach Mitternacht brechen wir auf, am nächsten Tag muss ich wieder arbeiten und David „zeigt sich solidarisch“. Auf dem Weg zu ihm nach Großhadern sprechen wir über das MVG-Semesterticket, meinen bevorstehenden Umzug und seinen Werdegang. In Linz auf dem Gymnasium, ein Jahr USA, ein Semester Physik. Demnächst geht es nach Prag: seine erste Surferfahrung. Auch er ist noch nicht lange dabei. Außer Treffen mit einzelnen und die wöchentlichen Events hat er bislang nichts gemacht. Nach 30 Minuten Fahrt sind wir da. Die Wohnung wird aufgesperrt, ein mulmiges Gefühl breitet sich aus. Ich betrete einen Privatsphäre und das bei einer Person, die ich kaum kenne. Fühlen sich Einbrecher so?

Ein Blick von meiner Couch durch das Zimmer

Meine Nacht auf der petrolfarbenen Couch

Der Eingang ist geräumig, ich bekomme eine Führung im Schnelldurchgang: Bad, Essdiele, sein Zimmer und Küche. Mein Zimmer ist karg eingerichtet, aber doch voll. Zwei Couches, ein alter Ahornschrank, ein Wäscheständer und zwei große Bücherregale, die überquellen. Bismarck: Gedanken & Erinnerungen, Langenscheidt-Übersetzer auf Polnisch, Russisch und Italienisch und andere dicke Wälzer. David richtet geübt die Couch her, als würde er das jede Woche tun. Petrolfarben ist der Filz, auf dem ich heute nächtigen werde. Die erste Liegeprobe ist hart – verglichen mit meiner Matratze. Ich schlafe rasch ein, aber die Nacht ist unruhig. Wer spontan auf einen Schlafplatz angewiesen ist, darf nicht wählerisch sein. Am nächsten Morgen macht David Frühstück. Unter Couchsurfern ist es üblich, dass man gemeinsam kocht oder der Surfer dem Gastgeber seine Kultur und Heimat kulinarisch näherbringt. Doch heute werde ich wie ein Gast behandelt und kann festhalten: Spontan in München auf einer fremden Couch übernachtet, check.

Couchsurfing, München

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