Bin ich schön?

Schönheit vergeht. Deshalb ist es eitel, sich um das Aussehen zu viele Gedanken zu machen. Viele Menschen jedoch quälen sich, weil sie glauben, nicht dem gängigen Schönheitsideal zu entsprechen. Im schlimmsten Fall werden sie krank, depressiv oder resignieren. 

Laut dem Film „Embrace – Du bist schön“ finden sich 91% der Frauen nicht schön. Der schöne Mensch spielt in unserer Gesellschaft eine wichtige Rolle. Warum dies so ist, erklären Maria Kraxenberger und Michaela Kaufmann vom Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik. „(Körperliche) Schönheit hat heutzutage gesellschaftliche Funktionen übernommen, die in früheren Epochen von anderen Fähigkeiten oder Eigenschaften ausgeübt wurden. So musste im 16. Jahrhundert ein italienischer Höfling mit Ambitionen viele Fähigkeiten mitbringen, um am Hof reüssieren zu können: Konversation, Tanz oder Musizieren mussten auf höchstem Niveau und nach genauen Regeln ausgeführt werden können. In unserer Gesellschaft scheint die objektive und zeitlose Schönheit eines Menschen als Garant für gesellschaftlichen Erfolg zu stehen.“

Schönheit hat in allen Epochen und Kulturen immer eine Rolle gespielt. Nur hat sich verändert, was Menschen schön finden. In der Antike wurde Dicksein von den Spartanern verachtet und bestraft. Während des Mittelalters wurde jemand, der reichlich zu essen hatte, „als von Gott begnadet“ angesehen. Im 17 Jahrhundert waren üppigere Körperformen angesehen, was Rubens in seinen Gemälden zeigte.

Peter Paul Rubens, Ankunft der Maria de' Medici in Marseille (Detail)

„Im 18. Jahrhundert war der Begriff der Schönheit nicht zu trennen vom Begriff der Wahrheit und des Guten. Ein beliebiger Gegenstand, eine Idee oder ein Kunstwerk konnte nur dann schön sein, wenn es auch in ein prädefiniertes Wertesystem, also Vorstellungen von Moral und Sittlichkeit passte“ erläutern Maria Kraxenberger und Michaela Kaufmann.

Unser Urteil was schön ist, ist zum größten Teil kulturell geprägt. In anderen Kulturen gilt die Fettleibigkeit bei der Frau als Ausdruck von Schönheit. Der in Westafrika lebende Stamm der Calaber schickt seine jungen Mädchen in „fattening huts“ in denen sie gemästet wurden. Denn anders als mollig fanden sie keine guten Ehepartner.

In unserer Gesellschaft wird Schönheit mit Schlankheit und Jugend gleichgesetzt. Nicht nur in den Medien und der Werbung, sondern auch auf Social Media Plattformen wird uns gezeigt, dass makellose Schönheit wichtig ist. Auf Instagram finden sich die kuriosesten „challenges“. Beim letzten Trend, der „Paper Waist Challenge“ halten sich junge Frauen ein Blatt Papier vor die Taille um zu zeigen, dass ihr Umfang nicht größer als ein DinA4 Blatt ist. Auch „body shaming“, also die Scham vor dem eigenen Körper, oder schlimmer, das Kritisieren anderer, ist in unserer Gesellschaft angekommen. Erst kürzlich beleidigte die Zeitschrift „Inside“ prominente Frauen für ihr Aussehen mit den Worten „Schenkelschande“, „Dellen-Drama“ und „Wabbelwellen“.

Sind wir mit unserer Vorstellung von Schönheit wieder in der Antike angelangt?

Was ist Schönheit? Sieben Münchner berichten.

Auf den ersten Blick scheint es so. Aber es gibt eine Gegenbewegung. Unter dem Hashtag #loveyourlines und #stopbodyshaming oder #liebedeinenkörper melden sich immer mehr Frauen zu Wort, die sich zu ihrem Körper bekennen und dies auf Social Media Plattformen ausdrücken. Und immer mehr Firmen ziehen nach. Die Marken Nike und Dove entwickelten spezielle Kampagnen und Mattel hat erst kürzlich Barbies auf den Markt gebracht, die für mehr Diversität stehen sollen, darunter auch dicke Puppen. Und weibliche Promis – sei es Beyoncé, Niki Minaj oder Kim Kardashian – zeigen ihre Rundungen schon länger selbstbewusst.

Eine Frau die ebenso selbstbewusst zu ihrem Körper steht ist Kerstin Luhr. Die Komikerin und Buchhändlerin aus Freiburg bringt im Herbst ihr erstes Soloprogramm „Ich bin dann mal fett“ auf die Bühne. In ihrem Programm nimmt sie sich selbst auf die Schippe. Weil sie findet, dass jeder über sich selbst lachen können soll. Sie sagt: „Ich finde man sollte sich einfach so lieb haben, wie man ist.“

Die Nanas „Sophie“, „Caroline“ und „Charlotte“ am Leibnizufer in Hannover
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„Ich war immer so die dicke Freundin, die man einladen musste, wenn man an die gut aussehende, hübsche Freundin ranwollte.“

Dass das nicht einfach ist, kann Amelie berichten. Amelie Heiler, Rosalie Schlagheck und Malene Becker sind big-size Models bei einer Agentur in München und hatten mal mehr, mal weniger mit Mobbing zu tun. „Als ich auf der Realschule war, war ich ein sehr kräftiges Kind, so mit 12, da bin ich von den Jungs gehänselt worden. Und ich war immer so die dicke Freundin, die man einladen musste, wenn man an die gut aussehende, hübsche Freundin ran wollte“ erzählt Amelie. Und ihre Freundin Malene fügt hinzu: „Ich wurde nie gemobbt, aber ich selbst war immer mein größter Kritiker“.

Kerstin, Amelie, Rosalie und Malene sind selbstbewusste Frauen. Wie haben sie es geschafft, so selbstbewusst zu werden? Amelie erzählt: „Meine Mutter ist mein Vorbild. Sie hat Größe 42, eine eher eine stämmigere Frau. Aber sie hat mir von klein auf beigebracht, dass es total in Ordnung ist, genau so auszusehen, wie man aussieht. Sie hat mir beigebracht, meinen Körper zu lieben – so, wie er ist“. Für Rosalie sind Youtuber und Menschen, die sie bestärken wichtig. „Das sind Leute, die mir sagen oder die von sich aus sagen, wenn man sich selber gut findet, so wie man ist, dann hat man schon viel getan“.

Wer bestimmt, was schön ist? Die Medien, die Gesellschaft oder Kultur, die Freunde, die Familie, die dicke oder dünne Frau? „Immanuel Kant definierte in seiner Kritik der Urteilskraft (1790) das Schöne als „interesseloses Wohlgefallen“ und verortet das Urteilen darüber nicht als Frage der Erkenntnis, sondern als ein Geschmacksurteil, das „mithin nicht logisch, sondern ästhetisch“ gefällt wird“.

Nana-Engel im Zürcher Hauptbahnhof

Für Amelie ist es einfach: „Für mich kommt Schönheit immer von innen. Mir ist es egal, wie der Mensch aussieht. Hauptsache ich weiß, es ist ein Mensch, der versucht, tolerant zu sein. Der versucht, respektvoll und warmherzig zu sein.“

Schönheit ist am Ende nichts, was man logisch begründen oder erfassen kann. Schönheit ist eine Glaubensfrage. Man kann sich schämen oder glauben, dass man wunderbar geschaffen ist wie Kerstin Luhr es ausdrückt: „Niemand sollte sich für seinen Körper schämen – egal ob er total dünn ist oder total dick – und niemand hat das Recht jemand anderen dafür zu kritisieren.“

Und wenn man sich manchmal schwer tut, an die eigene Schönheit zu glauben: Es hilft sich das jeden Tag aufs Neue zu sagen. „Auf all meinen Spiegeln in meiner Wohnung steht, „I’m enough“ mit Lippenstift drauf. Denn manchmal vergesse ich das einfach, dass ich nicht reiche und dann sehe ich das und dann denke ich mir: Ja, du bist genug und es ist gut so, wie du bist“ sagt Amelie.

 

Bilder:

  • Die Nanas „Sophie“, „Caroline“ und „Charlotte“ am Leibnizufer in Hannover, Lizenziert nach CC BY-SA 3.0, Juergen G.
  • Nana-Engel im Zürcher Hauptbahnhof, Lizenziert nach CC-BY-SA 4.0, JoachimKohlerBremen
  • Peter Paul Rubens, Ankunft der Maria de‘ Medici in Marseille
  • weitere Bilder von Pixabay

 

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