Bloggen - ein Plan B für Journalisten

Es ist einfach geworden, über Nacht durch das Internet bekannt zu werden: Bloggen heißt das Zauberwort. Aber können Blogger wirklich von ihrer Arbeit leben? Jochen Mai von Karrierebibel und Antonia Wille von Amazed haben es geschafft. Aber was ist ihr Geheimnis?

Jochen Mai ist beim Bloggen ein alter Hase. Er war vor einigen Jahren einer der ersten in Deutschland, die das Potential eines Blogs erkannten. „Damals“, erzählt er, „haben erst wenige gebloggt, und es war noch anonym.“ Seine Frau überzeugte ihn, dass es wenig bringt, anonym vor sich hinzubloggen. Da beschloss der  Journalist, der zwanzig Jahre Berufserfahrung hat: „Dann schreibe ich eben ein Buch.“ Er nannte das Buch Karrierebibel, es dreht sich um Erfolg im Beruf und ist wie ein Tagebuch angelegt. Nebenher, um das Buch zu vermarkten, schrieb er einen Blog gleichen Namens. Und beides zündete.

Für Jochen Mai ist Bloggen die Zukunft. Schon in der Zeitungsredaktion vertrat er die These: Der Journalist muss zur Marke werden. Er glaubt: „Leser achten nicht nur darauf, was geschrieben wird, sondern auch, wer es schreibt.“

Der Blog als Unternehmen

Heute ist der Blog Karrierebibel ein erfolgreiches Unternehmen mit einem festangestellten und mehreren freien Mitarbeitern sowie einigen Autoren. Wer einen Blog professionell betreibt, muss einige Punkte beachten: Er muss eine Zielgruppe definieren und ein Thema finden, das die Leser interessiert. Auch die Suchmaschinenoptimierung, im Fachjargon SEO, spielt eine wichtige Rolle. Weil Jochen Mai auf all das achtet, hat die Karrierebibel inzwischen knapp zwei Millionen Leser im Monat. Und damit macht sie einigen Zeitungen ernsthaft Konkurrenz.

Stand April 2015 für die Karrierebibel

 „Ich glaube, wenn jemand sagt, er schreibt über seine Tomatenzucht und brennt für das Thema, dann wird das sicher ein toller Blog. Aber die Frage ist, ob es dafür genügend Leser gibt.“

Blogger brauchen Themen, die sie nicht nur selbst interessieren, sondern die vor allem Leser finden. Die Karrierebibel schreibt für ein breites Publikum: Sie richtet sich an alle Erwerbstätigen im Alter von 25 bis 55 Jahren mit einem Jahreseinkommen zwischen 20.000 und 50.000 Euro. Aber es gibt auch einige Nischenblogs, die erfolgreich sind. Einige Blogger verdienen mit einem Nischenthema ihren Lebensunterhalt. Der Reise-Blogger Sebastian Canaves zum Beispiel finanziert sich mit seinem zweisprachigen Reiseblog Off the Path seine Trips.

Milena Heisserer und Antonia Wille von Amazed

Eine andere, die es geschafft hat, einen erfolgreichen Blog zu führen, ist Antonia Wille. Sie gründete 2013 mit zwei Geschäftspartnerinnen den Modeblog Amazed. Auf Amazed stellen die drei Mädels neue Outfits vor, geben Tipps im Bereich Mode und Beauty und zeigen die neuesten Trends.

Vom Hobby zur Profession

2013 stand Antonia Wille vor einer Entscheidung: mit dem Bloggen aufhören oder das Ganze professionell aufziehen. Damals hatte sie schon fünf Jahre lang einen Blog betrieben. Die Idee dazu war in den langen Mittagspausen ihres redaktionellen Volontariats bei einer Tageszeitung entstanden. Beim Surfen im Internet stieß sie auf verschiedene Modeblogs – eine Idee war geboren. Antonia Wille bloggte auch damals über Mode, aber auch über Filme und Bücher, die ihr gefielen, und über Kultur. Für sie war der Blog neben dem Studium und der Arbeit als freiberufliche Journalisten aber irgendwann „nicht mehr bestreitbar“, wie sie sagt. Amazed präsentiert jetzt regelmäßig neue Inhalte. Und hat damit Zukunft.

 

„Als ich alleine war, hatte ich keinen Plan und habe nur unregelmäßig geschrieben.“

Damit ein Blog zur Lebensgrundlage werden kann, müssen darauf regelmäßig Beiträge erscheinen. Das erfordert ein Gespür für relevante Themen und gute Ideen. Bei Amazed gibt es deshalb einen Redaktionsplan, in dem Themen festgelegt werden und Ideen gesammelt werden. Die drei Mädels sind aber nicht nur Autoren, sondern auch Buchhaltung, Verwaltung und Sekretariat. Professionelle Blogs, die einen Gewinn abwerfen, sind Unternehmen, für die auch ein Gewerbe angemeldet werden muss.

Milena Heisserer, Amelie Kahl und Antonia Wille

Die Mädels können noch nicht von den Einnahmen des Blogs leben, es bildet aber „die Basis unseres beruflichen Daseins“. Für Antonia Wille ist die Unabhängigkeit, die die Arbeit als Blogger mit sich bringt, ein Pluspunkt, auch in Hinsicht auf ihre weiteren Pläne: „Ich bin 28 und plane irgendwann Kinder, und dann weiß ich: Das kann ich auch machen, wenn mein Baby neben mir liegt oder ein Kleinkind neben mir spielt.“ Aber sie ist auch Realistin. Sie weiß, dass der Bereich Mode stark umkämpft ist. Immerhin: Der mediale Wandel spielt ihr, der Bloggerin, in die Karten. Momentan sind die Werbebudgets der Verlage noch auf Print fixiert. Aber es wird immer mehr Budget für Online-Maßnahmen eingeplant.

 

Der Journalist als Blogger

Beide Blogger profitieren von ihrer journalistischen Ausbildung. Jochen Mai zufolge haben Journalisten gelernt, für den Leser zu schreiben und ein Gespür für Themen zu entwickeln. Antonia Wille sieht die Vorteile auch darin, dass ein Journalist auf Rechtsschreibung achtet und den Wert seiner Arbeit kennt. Gerade in der mangelhaften Rechtsschreibung vieler Hobbyblogs sieht sie ein Defizit. Der Leser erwartet gewisse Standards.

„In erster Linie schreiben wir natürlich für den Leser.“

Der Anspruch der Blogger ist klar: Sie sind Journalisten und wollen den Leser zufrieden stellen. Eine Frage bleibt: Wie kommen die Bemühungen beim Leser an?

Die beiden Blogger haben es geschafft, aber sie gehören einer Minderheit an. Bloggen ist ein stark umkämpftes Berufsfeld, und nur der Leser bestimmt, welcher Autor gute und schlechte Arbeit leistet. Gerade einmal knapp sechs Prozent aller Blogger in Deutschland verdienen mehr als 2000 Euro brutto im Monat.

Gerade für Journalismus bietet Bloggen nach Ansicht von Jochen Mai und Antonia Wille eine Zukunft. Das spiegelt sich auch in den Zahlen wider: Einige Modeblogs kommen auf zwei Millionen Leser im Monat, ein paar Technikblogs sogar auf drei bis vier Millionen. Das erreichen manche Zeitungen nicht. Jeder kann den Wandel aktiv mitbestimmen: Bloggen kann zum Freund des klassischen Journalismus werden – oder zum Feind. Verpassen die großen Verlage den Anschluss, können Themen bereits von Bloggern besetzt sein. Wenn die klassischen Medien das Bloggen nutzen, können sie ihre Journalisten als Marke stärken und ihre Leser somit binden.

 

 

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